Was bedeutet Selbstständigkeit als Arzt?

Selbständigkeit als Arzt bedeutet „selbst und ständig“ zu arbeiten. Diese Redewendung wird von vielen Ärzten nach der Existenzgründung gelebt. Bei guter Planung und mit den richtigen Partnern an der Seite muss das aber nicht sein.

Die Zweifel vor der Selbstständigkeit als Arzt lassen viele junge Ärzte zögern. Sebastian Hütter von der Vereinten Ärzteberatung erklärt im Experteninterview, woher diese Zweifel kommen und wie sie überwunden werden können. Erfahren Sie, wie Ihnen der Start in die Selbstständigkeit als Arzt gelingt und worauf es bei der Planung Ihrer Praxisgründung ankommt.

So überwinden Ärzte die Zweifel vor der Selbstständigkeit als Arzt

Selbständigkeit als Arzt: Von der Vision zur Mission, Selbstzweifel überwinden
Selbständiger Arzt: Von der Vision zur Mission

Gründen oder nicht gründen? Das ist die Frage, die sich viele Ärzte in Anstellung stellen. Sebastian Hütter von der Vereinten Ärzteberatung erklärt, woran es liegt, dass viele junge Ärzte Bedenken vor der Niederlassung haben, und weshalb es auf die richtige, unternehmerische Denkweise ankommt, um mit der eigenen Praxis Erfolg zu haben.

Was sind die Gründe dafür, dass sich viele junge Ärzte eine Selbstständigkeit nicht zutrauen?

Sebastian Hütter: Da gibt es zwei Aspekte. Erster Aspekt: Früher gab es keine Gesetze, welche die Anstellung von Ärzten innerhalb einer Kassenzulassung reguliert haben. Deshalb hat sich jeder, der nicht in einem Krankenhaus arbeiten wollte, selbständig gemacht.

Der Rückgang an Ärzten, die sich für die Selbstständigkeit entscheiden, entsteht natürlich auch durch die gesetzlichen Möglichkeiten. So kann man heute auf einem Kassensitz bis zu fünf Ärzte einstellen. Und diese Möglichkeit wird von Ärzten mit steigendender Tendenz wahrgenommen.

Zweiter Aspekt: Es wird seit Jahrzehnten davon geredet, dass man Ärzte auch betriebswirtschaftlich ausbilden sollte. Das findet allerdings bis heute nicht statt. Aufgrund der fehlenden betriebswirtschaftlichen Kenntnisse entstehen bei jungen Ärzten auch Ängste vor der Selbstständigkeit. Das betrifft insbesondere den Kauf von Kassenverträgen. Das KV-System mit seinen vielen juristischen Hürden wirkt für viele schlicht abschreckend. Viele sagen sich, warum soll ich mir diese ganze Bürokratie antun, wenn ich auch als angestellter Arzt arbeiten kann.

Vereinfacht: Gehe ich in die Anstellung, kann ich als Arzt arbeiten, gehe ich in die Selbstständigkeit, muss ich als Unternehmer arbeiten.

Selbständigkeit als Arzt: Wie kann man jungen Ärzten diese Zweifel nehmen?

Sebastian Hütter: Um das zu ändern, braucht man angehende Ärzte nicht zu vollwertigen Betriebswirten auszubilden. Vielmehr gilt es, auf einer anderen Ebene Lust auf Unternehmertum zu schaffen. Man sollte Ärzte darin schulen, ein persönliches Lebensziel zu entwickeln und dieses mit einem Berufsziel in Einklang zu bringen.

Wer soll von mir profitieren? Warum sollen die Leute zu mir kommen? Solche Fragen stellen sich die jungen Leute nicht, weil alles auf das Juristische hinausläuft: Mietverträge, Arbeitsverträge, Kassenverträge, Verhandlungen mit den Krankenkassen. Dabei kommen die Emotionen des Unternehmertums zu kurz.

Heutzutage gibt es zunehmend mehr Ärztinnen, doch fehlt Frauen eher der Mut für die Selbstständigkeit?

Sebastian Hütter: Ich glaube nicht, dass es Ärztinnen eher an Mut fehlt als den männlichen Kollegen. Vielmehr ist eine gesellschaftliche Entwicklung im Gange. Es stimmt, dass Frauen zunehmend die Ärzteschaft dominieren. Allerdings spielt bei der Karriereplanung von Frauen die Familie eine zentralere Rolle als bei Männern. Die eigene Familie und die Selbstständigkeit unter einen Hut zu bringen, ist eine große Herausforderung, die im Zweifel dazu führt, dass sich Ärztinnen aus Gründen der zeitlichen Flexibilität eher für eine Anstellung entscheiden.

Tipp: Wie Ihnen trotz eigener Praxis Zeit für Ihr Privatleben bleibt, z. B. durch Teilzeitarbeit, erfahren Sie in unserem Beitrag zur Work-Life-Balance als Arzt.

Selbständigkeit als Arzt: Raus aus der toten Mitte dank strategischer Praxisplanung

Strategische Praxisplanung, von der Idee zur Tat, Weg in die Selbständigkeit als Arzt
Strategische Praxisplanung.

Sobald alle anfänglichen Zweifel zur Seite geräumt sind und Sie sich für die Niederlassung in einer eigenen Praxis entschieden haben, kann es an die Planung gehen. Sebastian Hütter von der Vereinten Ärzteberatung erklärt, warum Sie strategisch denken sollten, um ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen.

Welche Eigenschaften braucht ein Arzt für die Selbstständigkeit?

Sebastian Hütter: Der Arzt sollte in der Lage sein, zumindest ein bisschen strategisch zu denken. Denn strategisch entwickelte Praxen haben es deutlich einfacher, Mitarbeiter und Patienten zu gewinnen.

Ein Arzt, der seine Praxis nicht auf die sogenannte tote Mitte ausrichtet, ist deutlich erfolgreicher. Denn tote Mitte bedeutet, eine zu große Ähnlichkeit mit anderen Durchschnitts-Praxen zu haben. Die Ähnlichkeit betrifft alle Bereiche, angefangen bei der Ausbildung der Mitarbeiter, dem Leistungsspektrum, den Preisen, den Produkten bis zum Design des Wartezimmers und der Website.

Ein strategisches Unternehmen hingegen baut auf Einzigartigkeiten, Herausragendes und Besonderheiten auf. Damit akquiriert das Unternehmen andere Kunden. Durch andere Produkte und Preise kommen schließlich andere und bessere Erfolge.

Das Zurückschrecken vor der Selbstständigkeit liegt daran, dass junge Ärzte von Beginn an und aus Gewohnheit in die tote Mitte hineinschauen.

Selbständigkeit als Arzt: Übergangsphase sinnvoll nutzen

Selbständigkeit als Arzt: Übergangsphase sinnvoll nutzen mit Fortbildung und einem ausgereiften Businessplan
Übergangsphase zur Selbständigkeit sinnvoll nutzen

In der Übergangsphase zwischen Anstellung und Selbstständigkeit haben Sie Gelegenheit, sich auf Ihre Niederlassung vorzubereiten, etwa indem Sie sich fortbilden. Außerdem ist es sinnvoll, nun die strategische Praxisplanung voranzutreiben, um finanziellen Engpässen in den ersten Monaten Ihrer Selbstständigkeit entgegenzuwirken. Lesen Sie im Folgenden einige wertvolle Tipps von Ärzteberater Sebastian Hütter.

Wie nutzt man die Übergangsphase zwischen Anstellung und Selbstständigkeit als Arzt am besten?

Sebastian Hütter: In dieser Phase ist es sehr sinnvoll, Fortbildungen zu besuchen. Um heutzutage ein selbständiger Facharzt zu werden, muss man rund 1,1 Millionen Minuten lernen. Die paar hundert Minuten für eine Fortbildung zur Entwicklung eines Lebens- und Berufszieles sind deswegen gut investiert. Parallel dazu sollten Ärzte die Zeit nutzen und sich betriebswirtschaftliche Kenntnisse aneignen.

Im Hinblick auf die spätere Mitarbeiterführung sollten man sich die Frage stellen: Bin ich in der Lage Menschen weiterzuentwickeln? Natürlich muss man sich auch entscheiden, ob man mit Kassenvertrag oder als Privatarzt in den Markt geht.

Selbständigkeit als Arzt: Wie lassen sich finanzielle Engpässe beim Start in die Selbstständigkeit vermeiden?

Sebastian Hütter: Da gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Man bereitet sich im Rahmen der Selbständigkeit als Arzt einen Businessplans vor. Dabei kalkuliert man beispielsweise, dass man in den ersten sechs Monaten bestimmte Kosten hat. Die Kosten sind in der Regel bekannt, unbekannt sind hingegen die Umsätze. Wenn man in die Kassenpraxis geht, hat man moderate langsame Zuflüsse aus der Kassenabrechnung, die in der Regel immer zwei Quartale verspätet eintreffen. In so einem Fall muss man mithilfe des Businessplans die Bank um einen Kredit bitten.

Die andere Möglichkeit ist, man bereitet das Unternehmen durch strategische Planung anders vor, indem man eine Praxismarke aufbaut. Diese Marke geht dann durch geschickte Unternehmenskommunikation bereits vor Praxiseröffnung auf den Markt. So versucht man, die Praxis vor der Eröffnung bereits drei bis vier Wochen im Voraus auszubuchen. Dadurch hat man vom ersten Tag an einen Umsatz und frühere Zuflüsse. Das Fenster der Kostenüberbrückung wird also immer kleiner.

Die Frage ist auch hier: Gründe ich eine Praxis der toten Mitte oder ein Markenunternehmen im medizinischen Bereich?

Tipp: Lesen Sie im mediorbis-Ratgeber zum Umsatz bei der Praxisübernahme, wie Sie eine Praxis erfolgreich weiterführen.

Standortanalyse: Notwendig oder überbewertet?

Weg in die Selbständigkeit als Arzt, Standortanalyse
Wie wichtig ist eine Standortanalyse?

Vor der Gründung Ihrer eigenen Praxis stellen Sie sich vermutlich auch die Frage nach dem passenden Standort. Ärzteberater Sebastian Hütter erklärt, ob und in welchen Fällen eine Standortanalyse vor der Niederlassung relevant ist.

Stichwort Standortanalyse: Würde Sie einem jungen Arzt eher raten eine Praxis in der Stadt oder auf dem Land zu gründen?

Sebastian Hütter: Die Standortanalyse ist etwas sehr Relatives. Ich kenne Augenarztpraxen mit einer Million Euro Umsatz, während die Durchschnittsaugenpraxis in Deutschland nicht einmal 400.000 Euro Umsatz im Kassenbereich macht. Die Augenarztpraxen mit einer Million, von denen ich spreche, liegen im ländlichen Bereich von Sachsen und Brandenburg und im polnischen oder tschechischen Grenzgebiet. Hier ist eine Standortanalyse also wenig aussagekräftig.

Wer sich mit einer echten Strategie und dem richtigen Können selbstständig macht und eine gute Marke auf den Markt bringt, sprich eine Markenpraxis entwickelt, für den wird die Standortfrage nicht so brennend sein wie für einen Arzt, der sich im Durchschnitt bewegt.

Trotzdem muss man das Gesamtbild betrachten und der Trend geht sicherlich dahin, dass neben den Zentren und großen Städten die sogenannte mittelgroße Stadt mit einem überdurchschnittlichen Infrastruktur– und Kulturangebot junge Ärzte anzieht. Auf dem Land hingegen wird es als Folge der demografischen Entwicklung zunehmend dünner.

Aus meiner Erfahrung heraus kann ich jedoch sagen: Wenn ich als Arzt gutes Geld verdienen will, gehe ich vielleicht eher in die Peripherie und eben durchaus auf das Land. Denn ich sehe Ärzte, die auf dem Land mit 50 Jahren das Geld ihres Lebens verdienen, während der Kollege in der Stadt das mit 70 immer noch nicht geschafft hat.

Ich glaube, dass viel mehr vom Verhalten und Können abhängt als von der Qualität des Standortes. Diese ist zwar nicht zu unterschätzen, wird aber aus meiner Sicht bei der Selbständigkeit als Arzt überbewertet.

Unser Interviewpartner Sebastian Hütter

Ärzteberater Sebastian Hütter
Der erfolgtreiche Weg in die Selbstständigkeit als Arzt: Ärzteberater Sebastian Hütter weiß, wie’s geht.

Die mediorbis-Redaktion bedankt sich sehr herzlich bei Sebastian Hütter für das aufschlussreiche Interview!

Sebastian Hütter ist Mitbegründer von Vereinte Ärzteberatung: Die Ärzteberatung berät selbstständige Ärzte zu den Themen Praxisübernahme, Medizinisches Personal und anderen Wirtschaftlichkeitsthemen.

Das Thema Selbstständigkeit als Arzt ist komplex, aber mit der richtigen Herangehensweise lässt sich die Praxisgründung meistern. Informieren Sie sich mit unserem umfassenden Angebot der Praxis-Ratgeber über alle relevanten Punkte rund um die Praxisübernahme, von der Kassenzulassung bis zum Praxismarketing.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Weg in die Selbstständigkeit!

Bildquellen zum Ratgeber „Experteninterview: Wege in die Selbstständigkeit als Arzt“

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