Klein, aber mein, oder Karriere in der Klinik?

Den Sprung in die Selbstständigkeit wagen oder lieber die Vorteile eines Angestellten-Verhältnisses genießen.

mediorbis hat darüber mit Fabian Engelhardt gesprochen. Engelhardt ist als Ärzteberater für die Beratungsgemeinschaft für Ärzte und Zahnärzte GmbH (BAZ) tätig. Als Mitglied im Bundesverband Freier Sachverständiger e.V. wird er täglich mit der Bewertung von Arzt- und Zahnarztpraxen konfrontiert.

Neugründung oder Praxisübernahme?

Wie kommt es, dass so viele Ärzte den Sprung in die Selbstständigkeit scheuen und ein Angestelltenverhältnis vorziehen?

Ärzte werden im Grunde nie mit der Selbstständigkeit konfrontiert, weder während des Studiums noch danach als Assistenzarzt. Niemand erklärt Ihnen, was es heißt, selbstständig zu sein. Sie müssen sich dieses Wissen selbst aneignen. Daraus ist damals auch die Geschäftsidee der BAZ entstanden.

Zudem findet die Ausbildung vorrangig in Kliniken oder mit Kliniken statt. So lernen die Ärzte zunächst nur diese Strukturen kennen.

Ein weiterer Umstand ist dem demographischen Wandel und der „Verweiblichung in der Medizin“ geschuldet. Es gibt nicht nur im Allgemeinen immer weniger Medizinstudenten. Mittlerweile sind fast zwei Drittel der Studienanfänger weiblich. Das ist natürlich nicht schlimm, aber damit ändern sich die Rahmenbedingungen. Im Angestelltenverhältnis ist es für Frauen einfacher, für eine gewisse Zeit in Teilzeit zu gehen. Der ausschlaggebende Punkt ist hierbei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Arzthelferin empfängt Patienten

Mit Glück ist die neue Praxis schon am ersten Tag voll

Können Sie jeweils ein paar Vor- und Nachteile für die Neugründung oder Praxisübernahme nennen?

Beginnen wir mit der Neugründung: Der Vorteil liegt hier vor allem bei der freien Wahl und Gestaltung der Räumlichkeiten, vorausgesetzt der Sitz ist bei der KV verfügbar. Ein bedeutender Nachteil ist aber, dass die Einnahmen anfangs nicht sicher sind. Denn der Patientenstamm muss im Gegensatz zur Praxisübernahme erst aufgebaut werden. Dafür muss einiges ins Praxismarketing investiert werden. Aber dafür gibt es ja mediorbis.

Gibt es in einem Planungsbereich hingegen einen Mangel innerhalb einer bestimmten Fachrichtung, sieht die Welt gleich anders aus. Dann kann es Ihnen als Arzt passieren, dass Ihre Patienten schon am ersten Tag vor der Tür Schlange stehen. Das ist zum Beispiel einer meiner Mandantinnen als Kinderärztin im wunderschönen Sachsen passiert. In diesem Fall sprach es sich schon Monate vor der Eröffnung herum, sodass keinerlei Marketing nötig war, um Patienten zu gewinnen. Das ist aber eher die Ausnahme.

In der Regel überwiegen die Vorteile bei einer Praxisübernahme, da die Patienten und das Personal mit übernommen werden, d. h. ab dem ersten Tag werden Einnahmen generiert. Hier muss man anfangs eventuell die in die Jahre gekommene Praxiseinrichtung und -ausstattung in Kauf nehmen. Aber diese lässt sich mithilfe einiger Investitionen im Nachhinein erneuern. Ist der Sitz bei der KV gerade gesperrt, müssen noch Kosten eingeplant werden, um diesen vom Vorgänger abzukaufen.

Personen geben sich die Hand nach Geschäftsabschluss

Kein Kauf ohne Sachverständigen-Gutachten

Was sollten Ärzte bei der Übernahme einer Praxis beachten?

Grundsätzlich empfehlen wir, diesen Schritt niemals ohne einen Sachverständigen und Rechtsanwalt zu tätigen.

Bei den Praxisräumlichkeiten gibt es Auflagen der Gewerbeaufsicht zu beachten. Daher sollte bei der ersten Begehung ein professioneller Praxiseinrichter mitgenommen werden.

Um sicherzugehen, dass der angegebene Verkaufspreis auch dem Wert der Praxis entspricht, sollte ein Sachverständiger hinzugezogen werden, der eine Praxisbewertung durchführt.

Geht es an die Finanzierung, findet ein unabhängiger Berater am Ende eine Bank, die meist bessere Konditionen als die eigene Hausbank anbietet.

Genauso verhält es sich mit dem Abschluss des Kaufvertrags. Dieser sollte nicht ohne Anwalt unterschrieben werden. Insbesondere die Haftungsklauseln kann ein Anwalt genau prüfen.

Darüber hinaus sollte das gesamte Praxispersonal so früh wie möglich über die Veränderungen informiert und eingebunden werden, damit es sich auch nach der Übernahme unter der neuen Praxisleitung wohl fühlt.

Kostenlose Praxisbörsen helfen bei der Suche

Wo finden angehende Ärzte Praxen, die Nachfolger suchen?

Eine Praxisbörse finden sie z. B. auf der Website unserer Beratungsgemeinschaft, der BAZ-Finanzen. Und natürlich auf der Website von mediorbis. Auch auf den Seiten der Kassen-(zahn-)ärztlichen Vereinigungen in den jeweiligen Bundesländern gibt es Praxisbörsen.

Wird etwas unternommen, um die Selbständigkeit für Ärzte attraktiver zu machen?

Dass dieses spezielle Wissen fehlt und nicht aktiv gefördert wird, hat man mittlerweile gemerkt. Daher wird beispielsweise durch Förderprogramme versucht, angehende Ärzte für den ambulanten Bereich zu motivieren. So möchte man unter anderem die Landarztquote steigern. Mittlerweile hat fast jede KV ein eigenes Förderprogramm. Hier wurde die letzten Jahre ganz klar versäumt zu handeln.

Sie sind auf der Suche nach einer Praxis? Besuchen Sie die Praxisbörse von mediorbis.

Bild 1: ©iStock/DuxX, Bild 2: ©iStock/stockfour, Bild 3: ©iStock/sturti

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