Was ist Diabetes?

Diabetes mellitus ist eine Störung des Zuckerstoffwechsels, bei der es zu einem pathologisch erhöhten Blutzuckerspiegel kommt. Das Zuviel an Glukose (Zucker) verursacht im Körper irreversible Schäden an Gefäßen und Organen. Die mit Abstand häufigste Form von Diabetes ist der Typ 2.

Diabetiker: 600.000 Neuerkrankungen pro Jahr

Jedes Jahr erkranken in Deutschland 600.000 Menschen an Diabetes Typ 2 (nicht „die Diabetis“!). Bei Jugendlichen hat sich die Zahl der Typ-2-Diabetes-Neuerkrankungen in den letzten zehn Jahren verfünffacht. Betroffen davon sind ausnahmslos stark übergewichtige Kinder und Jugendliche.

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Etwa 341.000 Menschen in Deutschland sind an Diabetes Typ 1 erkrankt, davon ca. 32.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Die Zahl der Typ-1-Neuerkrankungen steigt jährlich um ungefähr drei bis fünf Prozent. Betroffen sind 3.100 Kinder und 4.150 Erwachsene.*

Die Hälfte der Menschen mit einem Typ-2-Diabetes schafft es, ihren Blutzuckerspiegel ohne Medikamente gut einzustellen. Wichtig sind dabei eine Ernährungsumstellung und viel Bewegung. Typ-1-Diabetiker müssen grundsätzlich lebenslang mit Insulin behandelt werden.

Quellen

*https://www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_in_zahlen

Diabetes: BMI
Um den Body Mass Index, kurz BMI, zu berechnen, werden Größe und Körpergewicht ins Verhältnis gesetzt.
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Diabetes-Hauptursache: zu hoher BMI (Body Mass Index)

Bewegungsmangel und vor allem schlechte Ernährung mit viel Zucker haben den Durchschnitts-BMI (Body Mass Index) immer weiter in die Höhe getrieben und Diabetes mellitus Typ 2 ein breites Einfallstor geöffnet. 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen mit Diabetes mellitus Typ 2 sind übergewichtig, 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen sind sogar schwer übergewichtig oder adipös. Tendenz steigend.

Diabetischer Fuß: 40.000 Amputationen pro Jahr

Erstaunlicherweise verbreitet die fast verharmlosend genannte „Zuckerkrankheit“ keine Existenzängste wie laktose- und glutenhaltige Nahrungsmittel. Dabei ist der gestörte Zuckerhaushalt eines Diabetikers ein schleichendes Gift für den ganzen Körper. Die Liste der Folgeerkrankungen umfasst so deprimierende Diagnosen wie den Diabetischen Fuß, bei dem das süße Gift die Nerven am äußersten Ende des Systems, beginnend bei den Zehen, zerstört. In Deutschland müssen allein deswegen jährlich 40.000 Füße amputiert werden.

Außerdem auf der Schadensliste durch Diabetes:

  • 2.000 Menschen erblinden.
  • Jährlich 2.000 neue Dialyse-Patienten. 30 bis 40 Prozent der Diabetiker haben geschädigte Nieren.
  • Doppelt bis dreifach erhöhtes Schlaganfallrisiko.*
Quellen

*https://www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_in_zahlen

Diabetischer Fuß von Diabetes-Patient wird von einem Arzt behandelt.
Wird ein diabetischer Fuß nicht früh genug erkannt und behandelt, können sich chronische Wunden bilden, zum Beispiel an der Fußsohle.
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Blutzuckerwerte: Wann der Zellentreibstoff zum Gift wird

Zucker ist essenziell wichtig für den Körper. Zucker ist der Treibstoff für alle Zellen, das Gehirn ist sogar ein richtiger Zuckerfresser. Aber wie so oft heißt es in der Medizin „Dosis sola venenum facit“ – die Dosis allein macht das Gift. Denn wenn der Körper mit schnellem Zucker geflutet wird, kann er den nicht schnell genug auf die Zellen verteilen, parkt ihn stattdessen in Fettdepots. Ein besonders gefährliches Endlager ist das Viszeralfett oder auch intraabdominale Fett in der inneren Bauchhöhle, wo es die Organe umschließt und nicht nur zum Ausgangspunkt vieler entzündlicher Prozesse wird.

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Die gute Nachricht: Niemand muss an Diabetes mellitus Typ 2 erkranken. Da verhält es sich mit der Krankheit anders als zum Beispiel bei Krebs, der jeden treffen kann. Auch den, der ganz gesund lebt. Selbst bei einem Prädiabetes, einer Vorstufe der Erkrankung, ist es noch nicht zu spät. Mit einer seriösen Ernährungsberatung lassen sich grobe Defizite rund um den Speiseplan ausmerzen und die Zuckerzufuhr auf ein verträgliches Maß reduzieren.

In den Kriegsjahren gab es keine Völlerei. Auch nicht in den Jahrzehnten zuvor. Bewegung im Alltag war so selbstverständlich wie heute eine Pizzabestellung mit dem Smartphone. Das konnten die Hamburger Professoren 1946 noch nicht kommen sehen, aber für jeden niedergelassenen Hausarzt gehört Diabetes mellitus Typ 2 heute zum Tagesgeschäft.

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 1


GIP/GLP-1-Rezeptoragonist Tirzepatid senkt Blutzucker und Körpergewicht bei Typ-2-Diabetes

S9: Das haben Forscher untersucht

Trotz großer Fortschritte in der Therapie des Typ-2-Diabetes erreichen viele Patienten auch heute noch keine dauerhaft gute Blutzuckereinstellung. Deshalb werden weiterhin neue Medikamente entwickelt. Diese Studie* untersuchte, ob der duale GIP/GLP-1-Rezeptoragonist Tirzepatid bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, bei denen gesunde Ernährung und Bewegung allein nicht ausreichen, wirksam ist.

*RosenstockJ et al. Efficacy and safety of a novel dual GIP and GLP-1 receptor agonist tirzepatide in patients with type 2 diabetes (SURPASS-1): a double-blind, randomised, phase 3 trial. Lancet. 2021 Jul 10;398(10295):143-155. doi: 10.1016/S0140-6736(21)01324-6

S9: So ist die Studie aufgebaut

Die klinische Studie fand über 40 Wochen an 52 Kliniken in verschiedenen Ländern statt. 478 Patienten, deren Typ-2-Diabetes sich mit gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung nicht kontrollieren ließ, wurden zufällig in vier Gruppen eingeteilt: Drei der vier Gruppen wurden mit Tirzepatid in drei verschiedenen Dosierungen (5, 10 oder 15 µg) behandelt. In der vierten Gruppe erhielten die Patienten ein Placebo (Scheinmedikament). Untersucht wurde, ob sich in den mit Tirzepatid behandelten Gruppen der HbA1c-Wert (Langzeitblutzucker) stärker verbessert als in der Placebogruppe.

S9: Das hat die Studie ergeben

Alle 3 Gruppen, in denen die Patienten Tirzepatid erhielten, schnitten besser ab als die Placebogruppe. Das galt nicht nur für den HbA1c-Wert, sondern auch für den Nüchternblutzucker und das Körpergewicht. Die höheren Dosierungen von Tirzepatid hatten einen stärkeren Effekt als die niedrigeren.

Mit Tirzepatid nahmen die Patienten – abhängig von der eingenommenen Dosis – zwischen 7 und 9,5 kg ab. Starke Unterzuckerungen traten unter Tirzepatid nicht auf. Aber leichte bis mittelschwere, vorübergehende Magen-Darm-Probleme waren häufiger als in der Placebogruppe.

S9: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Tirzepatid bewirkt kräftige Verbesserungen der Blutzuckereinstellung und des Körpergewichts, ohne das Risiko für Unterzuckerungen zu erhöhen. Tirzepatid könnte als alleinige medikamentöse Behandlungsoption bei Typ-2-Diabetes infrage kommen.

Diabetes Typ 1, Diabetes Typ 2 und Diabetes Typ 3 – ganz verschiedene Krankheiten

Diabetes bedeutet immer, dass der Körper Schwierigkeiten mit der Zuckerverarbeitung hat. Beim Typ 1 ist es Insulinmangel, bei Typ 2 wirkt das vorhandene Insulin nicht gut genug. Der Diabetes Typ 3 umfasst alle Ursachen für Diabetes, die nicht unter Typ 1 oder Typ 2 fallen.

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Wenn von Diabetes die Rede ist, dann fast immer von Diabetes mellitus Typ 2. Etwa 95 Prozent der 8,5 Millionen an der Zuckerkrankheit leidenden Menschen in Deutschland haben diese Form der Diabetes. Der Anteil wird immer größer, weil die Zahl der Typ-2-Neuerkrankungen aufgrund schlechter Lebensgewohnheiten überproportional wächst.

Die Dunkelziffer der Menschen mit nicht diagnostiziertem Diabetes schätzen Mediziner auf etwa zwei Millionen.

Wer ist Diabetiker Typ 1?

Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Stoffwechselkrankheit, bei der die Bauchspeicheldrüse (Pankreas) kein oder nur sehr wenig Insulin produziert und die häufig schon im Kindes- oder Jugendalter auftritt (juvenile Diabetes).

Das Hormon Insulin sorgt dafür, dass der durch die Nahrung aufgenommene Zucker von den Körperzellen absorbiert werden und als Energielieferant dienen kann. Steht kein Insulin zur Verfügung, kommt es innerhalb kürzester Zeit zu einer schweren Stoffwechselentgleisung, einer Ketoazidose, die ohne Intervention tödlich endet.

Bei Diabetes-Typ-1-Patienten (Diabetiker Typ 1) zerstört das Immunsystem schleichend die Insulin-produzierenden Betazellen im Pankreas. Der Auslöser für diese Autoimmunreaktion ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass Typ-1-Diabetes eine polygene Erkrankung ist.**. Das heißt, dass an der Entstehung verschiedene Gene beteiligt sind. Bekannt sind bisher 20 krankheitsrelevante Genorte. Trotz der genetischen Disposition und der Häufung in einigen Familien wird Diabetes Typ 1 nicht zwingend vererbt.*** Aber: Das höchste Erkrankungsrisiko haben Menschen mit einer familiären Belastung und einem zusätzlichen Risikogen. Auch Umwelteinflüsse oder Infektionen kommen als zusätzliche Auslöser in Betracht.

Typ-1-Patienten müssen mehrmals täglich ihren Blutzucker messen, um rechtzeitig auf einen akut zu hohen oder zu niedrigen Blutzuckerspiegel reagieren zu können. Das ist besonders vor Mahlzeiten wichtig, um die erforderliche Dosis Insulin zu berechnen.

Zu viel Insulin wiederum kann den Blutzuckerspiegel gefährlich drücken, dann droht eine Unterzuckerung oder Hypoglykämie.**** Auch sportliche Aktivitäten und erhöhter Alkoholkonsum können den Blutzucker senken. Bei einer milden Hypoglykämie können sich Patienten durch die Einnahme von Kohlenhydraten selbst helfen, in schweren Fällen sind sie auf Hilfe von außen angewiesen.

Quellen

*https://www.gesundheitsinformation.de/diabetes-typ-2.html
**https://www.dzd-ev.de/diabetes/ursachen/index.html
***https://www.gesundheitsinformation.de/diabetes-typ-1.html
****https://www.diabinfo.de/leben/behandlung/im-notfall/unterzuckerung.html

Diabetiker Typ 1, bekommt eine Insulin-Pumpe.
Diabetiker Typ 1 erhalten bei Bedarf eine Insulinpumpe, um den Blutzuckerspiegel zu halten.
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Diabetiker Typ 2, misst ihren Blutzuckerspiegel mit ihrem Handy und einem Sensor.
Diabetiker Typ 2 bekommen in der Folge häufig auch Augenprobleme.
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Wer ist Diabetiker Typ 2?

Wie bei Diabetes mellitus Typ 1 muss auch bei der Typ-2-Variante eine genetische Veranlagung vorhanden sein, die aber erst in Zusammenhang mit Bewegungsmangel und Übergewicht zum Tragen kommt. Früher trat Diabetes Typ 2 vor allem im höheren Lebensalter auf, heißt deswegen auch Altersdiabetes.

Diabetes Typ 2 ist ein schleichender Prozess, bei dem der Blutzuckerspiegel dauerhaft ansteigt. Im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeicheldrüse beim Diabetiker Typ 2 zwar noch ausreichend Insulin, dieses kann von den Zellen aber schlechter verwertet werden. Mediziner sprechen dann von einer Insulinresistenz oder ungenügenden Insulinsensitivität. In der Folge braucht der Körper immer größere Insulinmengen, um die Zellen mit Zucker zu versorgen. Diesen Mehrbedarf kann die Bauchspeicheldrüse eine Zeitlang liefern, stößt dann aber an ihre Grenzen und es kommt zu einer Hyperglykämie, einem dauerhaft zu hohen Blutzuckerspiegel.

Patienten merken von der schleichenden Überzuckerung überhaupt nichts. Die Diagnose ist deswegen fast immer nur ein Zufallsbefund, zum Beispiel bei einer Blutuntersuchung. Trotzdem gibt es Anzeichen, die auf einen zu hohen Blutzucker hinweisen können:

  • starkes Durstgefühl
  • häufiges Wasserlassen
  • Müdigkeit und Antriebsschwäche
  • Übelkeit
  • Schwindel*

Die Behandlung von Diabetes-Typ-2-Patienten hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem Alter, andere Krankheiten, Lebenssituation und persönliche Ziele. Vorrangiges Ziel sollten bei einem Typ-2-Diabetes immer eine Gewichtsreduktion und mehr Bewegung sein. Forscher der Uniklinik Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck haben herausgefunden, dass täglich 30 Minuten sehr moderates Kardio-, also Ausdauertraining die Insulinsensitivität nach neun Monaten verdreifacht.

Der Verzicht auf schnelle Kohlenhydrate, wie sie sich unter anderem in Weizenmehl, geschältem Reis und Industriezucker finden, verhindert, dass der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit sprunghaft ansteigt, also besser verteilt werden kann. Vielen Menschen gelingt es schon mit diesen Änderungen des Lebensstils, einen Typ-2-Diabetes in den Griff zu bekommen.

Der vermutlich einfachere Weg, den Blutzucker mit Insulin und anderen Blutzucker-senkenden Medikamenten in den Griff zu bekommen, kann dagegen zu noch mehr Übergewicht und einer weiteren Verschlechterung der Insulinsensitivität führen.

Quellen

*https://www.gesundheitsinformation.de/diabetes-typ-2.html

Wer ist Diabetiker Typ 3?

Diabetes mellitus Typ 3 ist eine Krankheit mit vielen verschiedenen Ursachen, nur das Ergebnis ist gleich: ein diabetischer Zuckerstoffwechsel. Dazu können verschiedene Faktoren führen:

  • eine chronisch entzündete Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis) und andere Erkrankungen des Pankreas, zum Beispiel Mukoviszidose (zystische Fibrose) oder die Eisenspeicherkrankheit (Hämochromatose)
  • Gen-Defekte der Beta-Zellen oder andere genetische Defekte
  • Cushing-Syndrom, bei dem zu viel von dem Hormon Cortisol gebildet wird
  • Akromegalie, bei der der Körper zu viel vom Wachstumshormon Somatotropin produziert
  • Phäochromozytom, eine hormonell aktive Krebsgeschwulst aus dem Nebennierenmark
  • Operation an der Bauchspeicheldrüse
  • Einnahme von Neuroleptika
Diabetiker Typ3
Diabetiker Typ 3 leiden an spezifischen Sonderformen von Diabetes mellitus, die sich von Typ 1 und Typ 2 abgrenzen.
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Kohlenhydrate und Zucker

Alles scheint für Zucker zu sprechen. Zucker ist süß und Süßes hebt die Stimmung. Außerdem braucht jede Zelle Zucker als Energielieferant. Allein das Gehirn hat einen Bedarf von 140 Gramm – etwa 14 Esslöffel – Traubenzucker täglich.* Das entspricht etwa 75 Prozent des gesamten Glucose-Bedarfs. Obwohl so ein im Schnitt 1.400 Gramm schwerer Denkapparat nur etwa zwei Prozent der Körpermasse ausmacht.

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Quellen

*https://www.zirkulin.de/ratgeber/so-funktioniert-der-zuckerstoffwechsel-in-unserem-koerper

Diabetes: Monosaccharide
Monosaccharide wie Glucose dienen als Hauptenergiequelle für den menschlichen Organismus.
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Monosaccharide (Einfachzucker), Disaccharide (Zweifachzucker), Polysaccharide (Vielfachzucker)

Zucker ist nicht gleich Zucker, auch wenn alle Zucker zu den Kohlenhydraten gehören. Die Ernährungswissenschaft unterscheidet drei verschiedene Grundtypen von Zucker:

  • Monosaccharide (Einfachzucker) > Dazu gehören Glucose (Traubenzucker in Obst und Süßigkeiten), Fructose (Fruchtzucker in Obst) und Galactose (Bestandteil des Milchzuckers)
  • Disaccharide (Zweifachzucker) > Eine aus zwei Monosacchariden bestehende Verbindung. Haushaltszucker (Saccharose), der aus Glucose und Fructose aufgebaut ist, gehört genauso zu den Disacchariden wie Milchzucker (Lactose), der aus Glucose und Galactose besteht.
  • Polysaccharide (Vielfachzucker) > Polysaccharide beschreiben eine Verbindung von mehr als zehn Monosacchariden. Zu den bekanntesten Polysacchariden gehört Stärke. Für den menschlichen Energiestoffwechsel spielen Mehrfachzucker eine große Rolle, weil sie von allen Sacchariden am langsamsten abgebaut werden. Die von diesen Kohlenhydraten gelieferte Energie ist deswegen langanhaltender als bei anderen Zuckerarten und eine der wichtigsten Bestandteile der menschlichen Ernährung. Vielfachzucker ist übrigens nicht süß.

Hypoglykämie (Unterzuckerung) und Hyperglykämie (Überzuckerung)

Der große Unterschied zwischen einer Unter- und einer Überzuckerung besteht darin, dass eine Hypoglykämie sich sehr schnell bemerkbar macht, während die Hyperglykämie jahrelang unbemerkt bleiben kann. Der Grund: Der Körper braucht Zucker als Energielieferant. Steht ihm dieser nicht ausreichend zur Verfügung, kollabiert der Kreislauf.

Unterschieden wird zwischen einer leichten Unterzuckerung – Sportler sprechen von Hungerast –, die schnell durch einen Snack oder ein zuckerhaltiges Getränk behoben werden kann, und einer schweren Unterzuckerung, die die Hilfe Dritter notwendig macht. Bei einer schweren Hypoglykämie ist in den meisten Fällen auch medizinische Hilfe erforderlich. Im schlimmsten Fall kann sie tödlich enden. Eine leichte Hypoglykämie beginnt bei einem Blutzucker von unter 3,5 mmol/l.

Die Hyperglykämie ist der Normalzustand bei unbehandelten Diabetikern. Sie schädigt Gefäße und Organe wegen der chronischen und toxischen Überzuckerung.

Diabetes: Hypoglykämie
Erste Anzeichen einer Unterzuckerung, fachsprachlich Hypoglykämie, sind Hunger, Schwitzen, Zittern, Müdigkeit, Schwäche und fehlendes klares Denkvermögen.
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Diabetes: Insulin
Darstellung von Insulin als 3D-Modell.
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Insulin: Türöffner für die Zellen

Schon im Mund geht’s los. Essen wir Kohlenhydrate in Form von Zucker, sorgen Enzyme im Speichel dafür, dass komplexe Zucker (Polysaccharide) wie Stärke (enthalten unter anderem in Haferflocken, Vollkornprodukten, Nüssen, Kartoffeln, Hülsenfrüchten und Gemüse) und Zweifachzucker schon beim Kauen teilweise in Einfachzucker wie Glucose (Traubenzucker) und Fructose zerlegt werden.* Die Weiterverarbeitung findet im Magen-Darm-Trakt statt. Durch die Darmwand gelangt die Glucose ins Blut. Je schneller die Zucker zerlegt werden können, umso schneller steigt nach einer Mahlzeit der Blutzuckerspiegel.

Der Blutkreislauf transportiert Glucose vor allem in Leber, Nieren, Muskelzellen und Fettgewebe.

Insulin wird als Türöffner für die Zellen gebraucht. Das Hormon dockt an den Insulinrezeptoren der Zelle an, die Fütterung kann beginnen. Damit für diesen Vorgang ausreichend Insulin im Blut ist, überwacht und misst die Bauchspeicheldrüse permanent den Blutzuckerspiegel. Steigt der, produziert sie Insulin und schüttet es nach der Nahrungsaufnahme bedarfsgerecht aus. Das bedeutet auch: Steigt der Blutzuckerspiegel, muss auch immer mehr Insulin produziert werden, damit die Glucose in die Zellen kommt. Unbegrenzte Kapazitäten hat die Bauchspeicheldrüse allerdings nicht.

Quellen

*https://utopia.de/ratgeber/kurz-und-langkettige-kohlenhydrate-vorkommen-und-verwertung-im-koerper/

Insulinresistenz: Saccharose (Haushaltszucker) ist nicht das einzige Problem

Weil die meisten Menschen mehr Zucker essen als der Körper braucht, und zwar nicht nur Saccharose, also Haushaltszucker, wird ein kleiner Teil davon in Leber und Muskeln wie in einem Erdgasspeicher als Noteinlage für schlechte Zeiten (Winter) eingelagert. Der größte Teil wandert als Speicherzucker (Glykogen) in die Zellen. Gibt es einen Nahrungsengpass, pumpt der Körper mithilfe des Hormons Glucagon die Speicher leer. Problematisch wird es, wenn es nie Nahrungsengpässe gibt und die Depots immer nur befüllt werden. Bei der Leber kann das zu einer Fettleber führen.

Glucagon und Insulin sind Gegenspieler, die gemeinsam die Aufgabe haben, den Blutzuckerspiegel konstant zu halten. Das schaffen sie nur, wenn sie genug Platz für den Zucker finden. Ansonsten muss „angebaut“ werden. Das Ergebnis manifestiert sich auf der Waage. Übergewichtige oder gar adipöse Menschen haben deswegen ein überproportional großes Risiko an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken.

Diabetes: Insulinresistenz
Ein anhaltendes Überangebot an Saccharose und anderen Zuckern kann zu einer Insulinresistenz führen.
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Diabetes: C-reaktiver Protein-Wert (CRP)
Ein CRP-Schnelltest funktioniert wie ein Blutzuckertest. Ist der CRP-Wert erhöht, ist auch das Risiko, an einem Diabetes zu erkranken, höher.
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C-reaktiver Protein-Wert (CRP) & Co.: Blutmarker für die Risikodiagnostik

Blutmarker wie der C-reaktive Protein-Wert (CRP) werden immer wichtiger in der Frühdiagnostik von Krankheiten. Marker im Blut sind Substanzen, die auf einen Krankheitszustand hindeuten. Die Fachzeitschrift „Diabetes“ hat im März 2004 die Ergebnisse einer großen Studie veröffentlicht, an der 32.826 Krankenschwestern teilnahmen, die zu Studienbeginn keinen Diabetes hatten.* Bei allen Probandinnen wurden die Entzündungsmarker TNF-alpha-Rezeptor2, C-reaktives Protein (CRP), Interleukin (IL)-6 gemessen. Ergebnis: Je höher die Werte anfangs waren, umso höher war das Risiko, an Diabetes zu erkranken.

  • TNF-Alpha-Rezeptor2 > Risiko für Typ-2-Diabetes steigt um 60 Prozent
  • Interleukin (IL)-6 > Diabetes-Risiko steigt um 200 Prozent
  • C-reaktives Protein (CRP) > Um 400 Prozent erhöhtes Diabetes-Risiko

CRP ist also der wichtigste Vorhersagefaktor für die Entstehung eines Diabetes mellitus Typ 2.

Quellen

*https://www.diabetes-deutschland.de/archiv/archiv_2390.htm

Glomeruläre Filtrationsrate (GFR-Wert): Präziser als der Kreatininwert

Der GFR-Wert beschreibt die Filtrationsfunktion der Nieren. Für Diabetiker ist es wichtig, diesen Wert zu kennen, weil die Funktionstüchtigkeit der Nieren erheblich durch Diabetes mellitus beeinträchtigt werden kann. Im Gegensatz zum Kreatininwert (oder Creatininwert), der erst ab einer Funktionsbeeinträchtigung der Nieren von 50 Prozent im Blut ansteigt, ermöglicht der GFR-Wert schon frühere Diagnosen.

Der Referenzwert für die Filtrationsrate liegt zwischen 100 und 130 ml/min. Während einer Schwangerschaft steigt der GFR-Wert, bei sehr niedrigem Blutdruck sowie im Stehen sinkt er.

Diabetes: Glomeruläre Filtrationsrate
Wenn der GFR-Wert zu niedrig ist, können die Nieren das Blut nicht mehr ausreichend reinigen. ©iStock / Md Zakir Mahmud

Semaglutid: Diabetes-Medikament und Lifestyle-Pille

Tesla-Chef Elon Musk hat es getan, die Influencerin Kim Kardashian wohl auch: Promis bringen sich mit dem neuen Wundermittel Semaglutid in Form. Vor dem unkontrollierten Anwenden des „Wundermittels“ im Eigengebrauch warnt aber die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE). Sie berichtet sogar von Lieferengpässen für das Diabetes-Medikament.

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Semaglutid-Tablette zur Einnahme bei Diabetes
Semaglutid ist ein blutzuckersenkender und antidiabetischer Wirkstoff.
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Semaglutid: Gespritzt oder als Tablette

Etwa 85 Prozent aller Typ-2-Diabetiker haben mit Übergewicht zu kämpfen. Für sie gibt es seit vier Jahren ein sehr effektives Medikament mit dem Wirkstoff Semaglutid. Die Substanz, die entweder gespritzt oder als Tablette eingenommen wird, bildet einen körpereigenen Botenstoff nach, senkt den Blutzucker und meldet dem Gehirn ein Sättigungsgefühl. Auch verlangsamt es die Magenentleerung und zügelt den Appetit.

Studien stellen dem Mittel ein gutes Zeugnis aus: Teilweise haben Patienten bis zu 30 Kilo abgenommen. Doch seit einiger Zeit wird das Mittel auch bei Menschen immer beliebter, die einfach nur ein paar überschüssige Pfunde abspecken wollen und keinen Diabetes haben. Damit nehmen die nicht nur Patienten ein wichtiges Medikament weg, das sie selbst nicht brauchen. Sie riskieren auch gesundheitliche Folgen.

Ärzte warnen vor Semaglutid-Eigentherapie

Ein indirekter Grund für diesen Hype ist eine neue Regel: Seit 2022 darf Semaglutid auch bei schwerer Fettleibigkeit (Adipositas) verschrieben werden. Doch es gelangen offenbar immer mehr Menschen an die Arznei, die entweder nur eine leichte Adipositas-Form haben oder nur möglichst schnell ihre Traumgewicht erreichen wollen. Auch auf der Plattform „Tiktok“ gibt es Influencer, die für das Abnehmmittel werben, unabhängig von einer Diagnose. Tesla-Milliardär Elon Musk etwa führt seinen Gewichtsverlust von 13 Kilo auf das Medikament zurück.

Laut der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) gibt es in Deutschland zum Teil schon Liefer-Engpässe aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage und trotz gesalzener Preise. So kostet laut apotheke-adhoc.de die Packung mit drei Pens à 0,5 oder 1,0 mg entsprechend circa 530 Euro. „Doch Semaglutid sollte nicht als ‚Lifestyle-Therapie im Eigengebrauch‘ eingenommen werden“, warnt die DGE wörtlich.

Diabestes: Sematuglid-Eigentherapie
Eine Semaglutid-Eigentherapie birgt viele Risiken.
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Semaglutid-Nebenwirkungen: JoJo und Maßband zu Darstellung der Nebenwirkungen.
Auch das schnelle Abnehmen mit Semaglutid folgt ohne echte Lebensumstellung in puncto Ernährung und Bewegung ein Jojo-Effekt.
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Semaglutid-Nebenwirkungen

Eine unkontrollierte Anwendung von Semaglutid kann zu schweren Nebenwirkungen führen. Neben Übelkeit und Erbrechen können Bauchspeicheldrüse und Gallenblase in Mitleidenschaft gezogen werden. Denn Untersuchungen geben Hinweis darauf, dass das Mittel krebserregend sein könnte. „Diesen Wirkstoff sollten nur spezialisierte Ärzte verschreiben – und auch nur, wenn die medizinische Notwendigkeit besteht“, so die DGE weiter.

Wer langfristig abnehmen will, sollte außerdem nicht nur auf ein Medikament setzen – selbst Semaglutid kann den berühmten Jo-Jo-Effekt nach einer Diät nicht verhindern. Daher ist es für alle Abspeckwilligen ratsamer, Sport zu treiben und sich gesund zu ernähren. Und das Geld lieber für etwas Sinnvolles auszugeben.

Metformin: der Blutzuckersenker

Die Wirkungsweise von Metformin ist noch nicht genau geklärt. Dennoch gehört die Blutzucker senkende Arznei zu den am längsten oral verwendeten und am besten untersuchten Medikamenten in der Diabetes-Therapie. Metformin wird in der Diabetes-Typ-2-Therapie eingesetzt, wenn sich der Blutzuckerspiegel nicht durch eine Nahrungsumstellung und mehr Bewegung ausreichend senken lässt.

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Metformin: Wirkung

Auch wenn nicht genau geklärt ist, wie Metformin wirkt, steht fest, was es bewirkt: Es hemmt die Glukose-, also Zuckerbildung in der Leber. Die Leber kann wie die Muskeln überschüssigen Zucker für energiearme Zeiten speichern. Gleichzeitig kann die Leber aber auch aus Fetten und Aminosäuren Glukose produzieren. Dieser Prozess wird durch Metformin gehemmt.

Diese Glukose-Drosselung ist die wichtigste Metformin-Wirkung. Darüber hinaus verzögert Metformin die Aufnahme von Glukose im Darm. Der Blutzuckerspiegel steigt deswegen nach einer Mahlzeit langsamer an.

Dritte Hauptwirkweise von Metformin: Die Arznei kann die Insulinsensitivität der Zellen verbessern und den Fettstoffwechsel verbessern. Für übergewichtige Patienten eine große Hilfe.

Diabetes: Metformin-Wirkung in der Leber
Die Leber kann Zucker neu bilden und ins Blut abgeben, wodurch der Blutzuckerspiegel steigt. Metformin hemmt das.
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Diabetes: Chemische Formel von Metformin auf einem Tablet zum Thema Nebenwirkungen
Metformin-Nebenwirkungen gelten im Vergleich zu jenen anderer Diabetes-Medikamente als vergleichsweise harmlos.
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Metformin: Nebenwirkungen

Metformin wird von den meisten Patienten gut vertragen. Nebenwirkungen stellen sich oft zu Beginn der Therapie ein, verschwinden aber meistens nach relativ kurzer Zeit. Die häufigsten Nebenwirkungen betreffen den Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und Durchfall.

Seltener treten Geschmackveränderungen auf (ein bis zehn Prozent der Patienten), die unangenehm sind, aber keine Krankheitsrelevanz haben.

Diabetes-Symptome: Breite Schneise der Zerstörung

US-Schauspieler Tom Hanks stöhnte: „Ich war ein Idiot.“ Die Welt habe in seinen Filmen gesehen, wie dick er war. Er hatte Diabetes mellitus Typ 2 als Option einfach nicht auf dem Schirm und als der Zucker da war, ging es darum, den Schaden zu begrenzen – denn ein dauerhaft hoher Blutzuckerspiegel frisst eine Schneise der Zerstörung in den Körper.

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Wissenschaftlich gibt es an folgender Erkenntnis nichts zu rütteln: Da ist ein überdeutlicher Zusammenhang zwischen Übergewicht, Ernährung, erhöhtem Diabetes- und Sterblichkeitsrisiko. Schon die Menschen, die nur ein erhöhtes Diabetes-Risiko haben, erleiden drei Mal häufiger einen Herzinfarkt, beim Schlaganfall sind es doppelt so viele Fälle. Die Sterblichkeit ist um den Faktor 2,4 erhöht. Das sind im Schnitt in etwa 13 Jahre weniger auf dem Lebenskonto.*

Die häufigsten Folgeerkrankungen:

  • Augenschäden
  • diabetischer Fuß
  • Nervenschäden
  • Schädigungen des Herz-Kreislaufsystems
  • Schäden an den Nieren

Laut CODE-2-Studie ist die Zahl der diabetischen Neuerkrankungen in Deutschland erschreckend hoch:

  • Fußgeschwüre 58.000
  • Schlaganfälle 44.000
  • Amputationen 28.000
  • Herzinfarkte 27.000
  • Dialysefälle durch Nierenversagen 6.000
  • Erblindungen 6.000**
Quellen

*https://www.diabetesde.org/pressemitteilung/hohes-diabetes-risiko-verkuerzt-lebenserwartung-um-13-jahre
**https://www.diabsite.de/diabetes/labor/hba1c-bedeutung.html

Das Kernproblem: Durchblutungsstörungen

Durchblutungsstörungen wegen zuckergeschädigter Gefäße sind eines der Kernprobleme einer Diabetes-Erkrankung. Die toxische Wirkung der chronischen Überzuckerung betrifft fast alle kleineren Gefäße des menschlichen Körpers. Besonders gravierend sind die Durchblutungsstörungen, wenn sie in den großen Arterien des Körpers auftreten. Herzinfarkt und Schlaganfall können die Folgen sein.

Schlecht durchblutete kleine Gefäße sorgen unter anderem für schwerwiegende Schäden in den Augen (Diabetische Retinopathie) und den Nieren (Diabetische Nephropathie).

Durchblutungsstörung bei Diabetes
Veränderungen an den kleinsten Blutgefäßen und damit einhergehende Durchblutungsstörungen sind typische Folgen von Diabetes.
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Diabetische Retinopathie führt zur Erblindung der Augen. Hier wird ein Diabetes-Patient untersucht.
Bei der Diabetischen Retinopathie fallen den betroffenen Diabetikern erst im fortgeschrittenen Stadium dunkle Flecken im Gesichtsfeld auf.
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Diabetische Retinopathie: Zucker frisst die Augen

Die Diabetische Retinopathie ist eine Netzhaut-Erkrankung (Netzhaut = Retina) und gehört zu der Klasse Krankheiten, die besonders heimtückisch unumkehrbare Fakten schaffen. Im völlig schmerz- und praktisch symptomlosen Krankheitsverlauf der ersten Jahre verstopft Zucker im Blut die feinen Gefäße der Netzhaut. Die Sehnerven können deswegen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. In seiner Not versucht der Organismus, neue Versorgungsleitungen zu legen. Mediziner sprechen dann von einer proliferativen Diabetischen Retinopathie.

Doch diese Ersatzgefäße sind minderwertig und neigen zu Blutungen. Erst dann manifestiert sich die Diabetische Retinopathie mit Symptomen wie dunkle Flecken im Sehfeld, rote Schleier oder unscharfes Sehen. Ist die Vernarbung der Netzhaut weiter fortgeschritten, kann sie sich lösen. Lichtblitze und Rußregen sind die Folge. Im Endstadium droht die Erblindung des Auges. In den westlichen Industrienationen ist die Diabetische Retinopathie der häufigste Erblindungsgrund. Jährlich sind in Deutschland etwa 1.700 Diabetiker davon betroffen.

Eine Makulopathie kann sich ebenfalls als Folge einer Retinopathie entwickeln. Dabei sammeln sich Flüssigkeiten oder Einblutungen an der Makula. Die Makula oder der gelbe Fleck des Auges, ist der Bereich, mit dem wir am schärfsten sehen können. Treten bei einer Retinopathie Flüssigkeiten, Eiweiß und Fette aus den Gefäßen, kann es im Bereich des gelben Flecks zu Schwellungen kommen, dem Makulaödem. Betroffene erblinden dann fast immer in kürzester Zeit.

Eine Diabetische Retinopathie ist nicht heilbar. Augenärzte können nur versuchen, die Krankheitsprogression zu verlangsamen.

Diabetische Polyneuropathie (PNP) oder Diabetischer Fuß

Krankhafte Veränderungen der feinen Blutgefäße (Mikroangiopathie) durch einen permanent zu hohen Blutzuckerspiegel führen auch zu Schädigungen der Nerven. Die Medizin spricht von einer Diabetischen Polyneuropathie. Poly (viel), weil nicht einzelne, sondern viele Nerven betroffen sind. Indirekt werden die Nervenzellen auch geschädigt, weil ein hoher Blutzucker bewirkt, dass Nährstoffe wie B-Vitamine verstärkt über die Nieren ausgeschieden werden. Dauerhafter Vitamin-B-Mangel kann ebenfalls Nervenschäden zur Folge haben.

Kommen noch Rauchen, starker Alkoholkonsum, Übergewicht, Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte dazu, werden die Nerven noch stärker in Mitleidenschaft gezogen.

Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, wird zwischen einer Sensomotorischen Polyneuropathie und einer Autonomen Polyneuropathie unterschieden.

  • Die Sensomotorische Polyneuropathie betrifft Nerven, die für Bewegungsabläufe und Gefühle wie Schmerz, Hitze und Kälte zuständig sind. Fast immer sind die äußersten Extremitäten wie Zehen betroffen. Symptome sind Kribbeln und Gefühlsstörungen, auch können die Zehen oft nicht mehr richtig bewegt werden. Verletzungen heilen unter Umständen schlecht aus. Etwa 40.000 solcher Diabetischen Füße müssen jährlich in Deutschland amputiert werden.*
  • Bei der Autonomen Polyneuropathie sind Nerven betroffen, die wir nicht bewusst beeinflussen können, das vegetative Nervensystem. Das ist für die Steuerung der inneren Organe zuständig. Dazu gehören Angelegenheiten wie Herzschlag und Magen-Darm-Tätigkeiten. Werden diese Nerven durch eine Überzuckerung des Bluts beschädigt, drohen Herzrhythmusstörungen, Schwierigkeiten, den Harndrang zu kontrollieren, oder es kommt zu Völlegefühlen und Übelkeit. Bei Männern kann’s außerdem auf die Potenz schlagen.

Für beide Varianten gilt: nicht heilbar. Im besten Fall kann die Krankheitsprogression durch eine Ernährungs- und Bewegungsumstellung verlangsamt werden. Bestehende Schäden sind irreversibel.

Quellen

*https://diabetischer-fuss.behandeln.de/diabetische-neuropathie.html?gclid=EAIaIQobChMIgYi6gtj2-gIVkeJ3Ch01BgCXEAAYASAAEgK2FPD_BwE

Diabetische Neuropathie wird am Fuß eines Diabetes-Patienten untersucht.
Diabetischer Neuropathie: Je länger eine Diabeteserkrankung besteht und je schlechter der Blutzucker eingestellt ist, desto höher das Risiko.
©iStock / Jan-Otto
Diabetes: Atherosklerose-Schlaganfall in einer schematischen Darstellung
Zuckerkranke haben ein deutlich erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden.
©iStock / Mohammed Haneefa Nizamudeen

Schlaganfall (Apoplex) und koronare Herzkrankheit

Die hohe Konzentration von Zucker im Blut schädigt nicht nur die feinen Haargefäße (Kapillaren) des Körpers. Sie hat auch massiven Einfluss auf die großen Gefäße wie die Arterien. Ablagerungen an den Gefäßwänden führen zu einer Arterienverkalkung oder Atherosklerose und in der Folge zu einer schlechteren Elastizität und einem geringeren Blutdurchfluss. Organe können deswegen nicht mehr mit Sauerstoff und Nährwerten versorgt werden. Gleichzeitig wird die Gerinnselbildung in den Gefäßen gefördert.

Die Häufigkeit von Schlaganfällen (Apoplex oder Hirnschlag) nimmt mit höherem Lebensalter genauso wie die Gefahr einer Erkrankung an Diabetes mellitus Typ 2 deutlich zu: Etwa 80 Prozent aller Hirnschläge betreffen Menschen jenseits des 60. Lebensjahres und etwa jeder Vierte über 80 leidet an Altersdiabetes. Damit steigt das Schlaganfallrisiko für Diabetes-Patienten um 6 bis 17 Prozent.

Bei einer chronischen oder stabilen koronaren Herzerkrankung (KHK) ist mindestens eine das Herz versorgende Arterie dauerhaft verengt. Der Herzmuskel bekommt weniger Sauerstoff; Kurzatmigkeit nach Anstrengungen oder Engegefühl in der Brust sind die Symptome. Das Problem kann sich zu einer extrem belastenden Herzschwäche (Herzinsuffizienz) auswachsen. Kommt es zu einem Gerinnsel, droht ein Herzinfarkt. Das Risiko einer koronaren Herzerkrankung steigt mit Typ-2-Diabetes auf 10 bis 18 Prozent.

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 2


Alle GLP-1-Rezeptoragonisten schützen bei Typ-2-Diabetes Herz und Nieren

S4: Das haben Forscher untersucht

Die zur Diabetesbehandlung eingesetzte Medikamentenklasse der GLP-1-Rezeptoragonisten verringert bei den Patienten das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Nierenerkrankungen. Diese Studie* untersuchte, ob dies für alle GLP-1-Rezeptoragonisten unabhängig von ihrer molekularen Struktur gilt.

*Sattar N et al. Cardiovascular, mortality, and kidney outcomes with GLP-1 receptor agonists in patients with type 2 diabetes: a systematic review and meta-analysis of randomised trials. Lancet Diabetes Endocrinol. 2021 Oct;9(10):653-662. doi: 10.1016/S2213-8587(21)00203-5

S4: So ist die Studie aufgebaut

Es handelt sich um eine Übersichtsarbeit, in der Daten aus 8 Studien zusammengefasst und analysiert wurden. In den eingeschlossenen Studien mit insgesamt 60.080 Patienten wurden verschiedene GLP-1-Rezeptoragonisten mit einem Placebo (Scheinmedikament) verglichen.

S4: Das hat die Studie ergeben

Alle GLP-1-Rezeptoragonisten verringerten das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenerkrankungen und Tod. Der Effekt war unabhängig von der molekularen Struktur der GLP-1-Rezeptoragonisten und auch davon, welcher Untergruppe der Medikamentenklasse sie angehörten.

GLP-1-Rezeptoragonisten erhöhten nicht das Risiko für schwere Unterzuckerungen, Retinopathie (Schädigung der Netzhaut) oder Schädigungen der Bauchspeicheldrüse.

S4: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Die herz- und nierenschützenden Effekte von GLP-1-Rezeptoragonisten machen sie zu einer wichtigen Behandlungsoption bei Typ-2-Diabetes. Unabhängig von ihrer molekularen Struktur senken sie das Risiko für Folgeerkrankungen und Tod.

Periphere Arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) oder Schaufensterkrankheit

Kommt es in Folge einer Diabetes-Erkrankung zu Beeinträchtigungen in den Bauch- und Nierenarterien, sprechen Mediziner von einer Peripheren Arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK). Typische Folgen sind schlecht durchblutete Beine (seltener auch Arme). Symptome der Durchblutungsstörung sind:

  • Schmerzen beim Gehen und zeitweiliges Hinken (Claudicatio intermittens)
  • Ruheschmerzen in den Beinen
  • Nekrosen oder abgestorbene Gewebebereiche, häufig an den Füßen

Weil die pAVK häufig auch starke Raucher betrifft, wird sie umgangssprachlich als „Raucherbein“ bezeichnet. Der ebenfalls übliche Begriff „Schaufensterkrankheit“ beschreibt, dass Betroffene immer wieder vor Schaufenstern halten müssen, bis die beim Gehen entstandenen Schmerzen nachlassen.

Therapieoptionen sind eine Ernährungsumstellung, um den Blutzucker zu senken, kontrolliertes Gehtraining, Medikamente sowie Katheter-Eingriffe an den Gefäßen und gefäßchirurgische Verfahren. Im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit bleibt als einzige Option eine Amputation.

Peripheren Arterielle- Verschlusskrankheit bei Diabetes
Periphere Arterielle Verschlusskrankheit: Nicht nur Raucher können ein Raucherbein bekommen.
©iStock / Gilnature

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 3


Steife Blutgefäße sind ein Warnsignal für Typ-2-Diabetes

S1: Das haben Forscher untersucht

Es ist wichtig zu erkennen, wenn Menschen ein hohes Diabetesrisiko haben. Ein frühzeitiges Eingreifen kann den Ausbruch der Erkrankung verhindern und ihr Fortschreiten verlangsamen. Ein Hinweis auf ein erhöhtes Diabetesrisiko ist ein zu hoher Blutdruck. Bluthochdruck und eine Versteifung der Blutgefäße treten häufig gemeinsam auf. Diese Studie* untersucht, ob auch steife Blutgefäße ein Warnsignal für einen Typ-2-Diabetes sind.

*Tian X et al. Hypertension, Arterial Stiffness, and Diabetes: a Prospective Cohort Study. Hypertension. 2022 Jul;79(7):1487-1496. doi: 10.1161/HYPERTENSIONAHA.122.19256.

S1: So ist die Studie aufgebaut

Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie mit insgesamt 11.156 Teilnehmern. Verglichen wurde das Diabetesrisiko von Personen mit gesunden Gefäßen und Personen mit steifen Gefäßen. In der Gruppe der Studienteilnehmer mit steifen Gefäßen hatten einige auch erhöhten Blutdruck.

S1: Das hat die Studie ergeben

Personen mit Bluthochdruck und steifen Blutgefäßen hatten unter allen Studienteilnehmern das höchste Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Aber auch bei normalem Blutdruck war das Diabetesrisiko erhöht, wenn die Gefäße versteift waren.

S1: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Es gibt nicht nur einen Zusammenhang zwischen Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes, auch die Steifigkeit der Blutgefäße spielt eine Rolle für das Erkrankungsrisiko. Steife Gefäße könnten sogar ein noch stärkeres Warnsignal für einen Typ-2-Diabetes sein als Bluthochdruck.

Ob es möglich ist, durch die Behandlung des Bluthochdrucks und der steifen Gefäße das Diabetesrisiko zu senken, muss in weiteren Studien erforscht werden.

Diabetes: Chronische Nierenerkrankung
Lichtmikroskopische Aufnahme einer menschlichen Niere, die von einer fortgeschrittenen diabetischen Nephropathie betroffen ist.
©iStock / JOSE LUIS CALVO MARTIN & JOSE ENRIQUE GARCIA-MAURIÑO MUZQUIZ

Nieren: Chronische Nierenerkrankung (CKD) oder diabetische Nephropathie

Eine der folgenschwersten Begleiterkrankungen von Diabetes mellitus Typ 2 ist die chronische Nierenerkrankung. Etwa 40 Prozent aller Diabetiker entwickeln im Laufe der Jahre eine diabetische Nephropathie, die im schlimmsten Fall zu Nierenversagen führt.

Die Nieren haben ein ausgesprochen feines Filtersystem, mit denen es ihnen gelingt, sehr kleine Stoffe wie Salze, Harnstoff oder Schadstoffrückstände durch die feinen Gefäßwände aus dem Blut zu entsorgen und über den Urin auszuscheiden. Größere Stoffe (unter anderem Eiweiße und Blutkörperchen) passen nicht durch und bleiben im Blut.

Entscheidendes Bauteil dieses Filtersystems sind die Nierenkörperchen. Sie bestehen aus einem Knäuel extrem feiner Gefäße, durch die das gesamte Blut geleitet wird.

Zucker frisst Löcher in die feinen Gefäßwände, die Nieren werden durchlässiger und in ihrer Funktion immer ineffizienter bis hin zur Niereninsuffizienz.

Die Nierenschädigung schmerzt nicht, kann aber ohne großen Aufwand mit einem Urintest auf Eiweiße enttarnt werden. Sehr früh erkannt, ist es mit konsequenter Nahrungsumstellung und weiteren therapeutischen Maßnahmen möglich, Frühschäden wieder rückgängig zu machen.

Arteriosklerose und Atherosklerose: Diabetes ist ein Risikofaktor

Arteriosklerose und Atherosklerose sind keine unterschiedlichen Krankheiten. Atherosklerose steht für Ablagerungen von fetthaltigen Plaques an den Arterienwänden. Arteriosklerose ist der Oberbegriff für Erkrankungen der Arterienwände. Die Atherosklerose gehört also zu den arteriosklerotischen Erkrankungen.

Diabetes-Patienten haben genauso wie Menschen mit zu hohem Blutdruck oder angeborener Hypercholesterinämie sowie chronischer schwerer Nierenerkrankung ein hohes oder sogar sehr hohes Risiko für arteriosklerotische Erkrankungen.

Diabetes: Arteriosklerose, schematische Modell-Darstellung
Schematische Darstellung einer Atherosklerose, die zu den Arteriosklerosen gehört.
©iStock / wetcake
Älteres Paar mit diabetischen Sexualstörungen auf Sofa mit Handys.
Diabetische Sexualstörungen können auch Frauen betreffen.
©iStock / AND-ONE

Diabetische Sexualstörungen bei Männern und Frauen

„Verlust der Fähigkeit, auf sexuelle Stimulation eine entsprechende Reaktion zu erzielen und aufrechtzuerhalten, um einen erfüllten Orgasmus zu erleben.“ So lautet die medizinische Definition. Betroffen sind keineswegs nur Männer, auch Frauen leiden unter komplexen Beeinträchtigungen ihres Sexuallebens.

MännerFrauen
Für eine ausreichende Erektion reichen nicht nur optische Anreize. Es ist ein Zusammenspiel von Nerven und Blutgefäßen, bei dem sich die den Penis versorgenden Arterien weiten und so die Schwellkörper fluten. Gesteuert wird dieser Prozess von verschiedenen Teilen des Nervensystems.
Diabetes begünstigt Gefäßablagerungen und beeinträchtigt damit die Durchblutung. Gleichzeitig hat ein diabetischer Nervenschaden negative Auswirkungen auf die Sensibilität des Genitals.
Das ist noch nicht alles: Männer mit Diabetes haben oft niedrigere Testosteronwerte. Das wiederum bewirkt abnehmendes sexuelles Interesse.
Nicht weniger komplex, ebenso unerfreulich. Durchblutungsstörungen und Nervenschäden bewirken, dass die Schleimhäute nicht mehr ausreichend anschwellen und feucht werden. Die Folge sind Scheidentrockenheit und Schmerzen beim Sex, was beides zwangsläufig zu Orgasmusproblemen führt. Durch die hormonelle Veränderung sinkt auch bei Frauen die Libido. Der hohe Blutzuckerspiegel verbessert darüber hinaus die Wachstumsbedingungen für Pilze und Bakterien.

Anzeichen Diabetes

Die Warnsignale können nur aus der Selbstreflexion kommen. Ernähre ich mich richtig, stimmt mein Gewicht oder bin ich zu dick? Der Ernährungsmediziner, Diabetologe und ärztliche Leiter des Medicum Hamburg, Europas größtem Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention sowie Adipositas, Dr. Matthias Riedl hat eine einfache Regel: „Für Frauen gilt: Unter 80 Zentimeter Bauchumfang ist okay. Das ist ideal. Bis 88 ist noch gerade so an der Grenze. Bei Männern ist unter 94 Zentimeter ideal und ab 102 wird es kritisch. Da ist absolut Schluss. So einfach kann man das messen.“

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Das innere Bauchfett (Viszeralfett oder auch intraabdominales Fett) ist nicht einfach nur ein träger Energiespeicher, wie die Wissenschaft lange glaubte. Im Gegensatz zum subkutanen Fett direkt unter der Haut produziert es zahlreiche Substanzen, die Einfluss auf viele Körperprozesse haben, unter anderem Botenstoffe, die die Insulinsensitivität und chronische Entzündungen beeinflussen.

Den Beweis lieferte eine ungewöhnliche Studie, bei der stark übergewichtigen Patienten, die sich einer Magenbypass-Operation unterzogen, Blut aus der sonst kaum zugänglichen Portalvene entnommen wurde. Die Portalvene sammelt das Blut aus dem Viszeralfett und leitet es an die Leber weiter.

In diesem Portalvenenblut der Studienteilnehmer fanden die Forscher eine um 50 Prozent höhere Konzentration des Entzündungsbotenstoffs Interleukin-6 (Il-6) als im Vergleichsblut, das die Wissenschaftler am Unterarm entnommen hatten. Interleukin-6 gilt als einer der stärksten Stimulatoren für die CRP-Produktion der Leber. Ein hoher CRP-Wert wiederum ist eng verknüpft mit Insulinresistenz und Diabetes mellitus Typ 2.

Ein erstes Warnsignal für eine mögliche Diabetes-Erkrankung ist also ein kritisch werdender Bauchumfang.

Ärztin erklärt älterer Patientin mit Diabetes die Bedeutung ihrer Blutzuckerwerte.
Blutzuckerwerte und ihre Bedeutung hängen auch davon ab, ob nüchtern oder nach dem Essen gemessen wird.
©iStock / supersizer

Das bedeuten Blutzuckerwerte wirklich

Grenzwerte in der Medizin sind meistens Näherungswerte und längst nicht so präzise wie der Urmeter in der Längenmessung. Der Grenzwert, ab dem Mediziner von einem Diabetes mellitus Typ 2 sprechen, wurde zuletzt zur Jahrtausendwende von 140 mg/dl auf 126 mg/dl gesenkt. Begründet wurde die Neujustierung eines krankhaften Nüchternzuckers mit einem signifikanten Anstieg von diabetischen Retinopathien, also schweren Schädigungen des Auges, bereits ab einem Wert von 126 mg/dl.*

Mit 125 mg/dl ist aber trotzdem niemand auf der sicheren Seite. Bei einem Blutzuckerspiegel zwischen 100 mg/dl und 125 mg/dl sprechen Ärzte von einer gestörten Nüchternglukose oder etwas deutlicher von einem Prädiabetes. Bei einem Prädiabetes können Gefäße schon geschädigt werden. Die toxischen Auswirkungen eines Zuviels an Glucose können schon relevante Gesundheitsschäden verursachen. Auch eine Polyneuropathie (PNP) kann sich mit ersten Nervenschädigungen manifestieren.

Liegt der Nüchternwert unter 100 mg/dl, aber nah dran, ist das ein guter Zeitpunkt, Nahrungs- und Lebensgewohnheiten umzustellen – auch wenn das beim Hausarzt, der bei einer Blutuntersuchung einen Blick auf die Zuckerwerte wirft, vielleicht anders klingt und er kein Problem sieht. Eine Unterzuckerung des Körpers droht erst ab 60 mg/dl.

Die Messung des Nüchternzucker-Spiegels am Morgen, wenn am wenigsten Traubenzucker durch die Adern fließt, ist zwar verlässlich, immer aber auch nur ein Tageswert.

Quellen

*https://www.diabetes-deutschland.de/archiv/archiv_1955.htm

Zeitaufwendig, aber präzise: oraler Glukosetoleranz-Test (oGTT)

Beim oralen Glukosetoleranz-Test (oGTT) wird kein statischer Blutzuckerspiegel bestimmt, sondern die Zucker-Abbaugeschwindigkeit des Körpers, also dessen Insulinresistenz. Er wird vor allem dann eingesetzt, wenn der Nüchternblutzucker kein eindeutiges Ergebnis liefert. Klarer Nachteil: Der Test ist sehr zeitaufwendig.

Ziel eines oGTT ist ein Blick auf die Glukosetoleranz des Körpers. Der Ablauf dabei ist genau geregelt:

  • Drei Tage vor dem Test ist eine kohlenhydratreiche Ernährung wichtig (150 bis 250 Gramm Kohlenhydrate). Das entspricht einer normalen Mischkost.
  • Acht bis zwölf Stunden vor dem oralen Glukosetoleranz-Test ist Schluss mit der Nahrungsaufnahme. Alkohol und gezuckerte Getränke sind genauso tabu wie Nikotin.
  • Vor dem Test wird der Nüchternblutzucker als Vergleichswert gemessen.
  • Der Belastungstest beginnt mit einem sehr süßen Getränk: 75 Gramm Traubenzucker auf 300 Milliliter Wasser, die innerhalb von fünf Minuten in entspannter Sitzposition getrunken werden müssen.
  • Zwei Stunden Pause ohne körperliche Belastung und ohne Zigaretten.
  • Erneute Bestimmung des Blutzuckerwertes.

Bei der Auswertung des oGTT gelten folgende Richtwerte:

  • Liegt der Nüchternwert unter 100 mg/dl und der oGTT-Wert nach zwei Stunden unter 140 mg/dl, ist alles in Ordnung.
  • Ist der Startwert kleiner als 126 mg/dl, aber der Blutzucker liegt nach zwei Stunden zwischen 140 und 199 mg/dl, liegt eine gestörte Glukosetoleranz (Impaired Glucose Tolerance, kurz IGT), also ein Prädiabetes vor.
  • Bei einem Nüchternwert größer oder gleich 126 mg/dl und einem Zwei-Stunden-oGTT-Wert größer oder gleich 200 mg/dl ist die Diagnose klar: Diabetes mellitus.
Diabetes: oraler Glukosetoleranz-Test (oGTT)
Ein oGTT, kurz für oraler Glukosetoleranztest, misst, wie gut der Körper eine größere Menge Zucker verarbeiten kann.
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Diabetes: HbA1c-Werts; Langzeitzuckerwert
HbA1c ist ein Teil des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin in den roten Blutkörperchen. Der daran gemessene Langzeitzuckerwert beschreibt, wie hoch der Blutzucker in den letzten acht bis zwölf Wochen war.
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Wichtige Größe: der HbA1c-Wert (Langzeitzuckerwert)?

Umgangssprachlich wird das etwas sperrige HbA1c mit Blutzuckergedächtnis übersetzt. An diesem Wert können Ärzte ablesen, wie hoch der Blutzuckerspiegel im Schnitt der vergangenen acht bis zwölf Wochen war. Möglich ist das mit einer einfachen Blutuntersuchung.

Hämoglobin (HbA) ist der rote Blutfarbstoff, der in verschiedenen Untergruppen im Blut vorkommt. Er ermöglicht unter anderem den Transport von Sauerstoff. Einzelne Zuckerteilchen können sich an das Hämoglobin binden, es „verzuckern“. Wissenschaftlich heißt das Glykierung und das Hämoglobin erhält den Zusatz 1c, sodass aus dem HbA ein HbA1c wird.

Bei einem hohen Blutzuckerspiegel binden sich viele Zuckerteilchen an das Hämoglobin, lösen sich aber wieder, wenn der Glukosespiegel fällt. Ist der Blutzuckerspiegel allerdings dauerhaft erhöht, können die kleinen Zuckerpartikel nicht zurück ins Blut. Aus der losen Verbindung mit dem Hämoglobin wird eine feste. Solche festen Verbindungen halten bis zum Ablauf der Lebenszeit eines roten Blutkörperchens an. Das sind etwa drei Monate. Bei einem Langzeit-Zuckertest kann die Anzahl des verzuckerten Hämoglobins genau bestimmt und in Relation zu einem gesunden Verhältnis gebracht werden. Für Diabetiker ist das eine gute Kontrolle, ob sie ihren Blutzucker in den vergangenen Wochen gut im Griff hatten oder nachjustieren sollten. Diabetologen empfehlen den Test im Drei-Monats-Rhythmus.

Der HbA1c-Wert wurde in Deutschland bis 2010 nur als Prozentzahl angegeben. Liegt der Langzeitzuckerwert über 6,5 Prozent, ist die Diagnose Diabetes sehr wahrscheinlich. Kritisch wird es schon bei einem Wert über 5,7 Prozent. Tatsächlich leben in Deutschland schätzungsweise 50 Prozent der Diabetiker mit einem HbA1c-Wert von mehr als 7,5.

Als internationaler Bezugspunkt gilt inzwischen aber der Wert Millimol pro Mol Hämoglobin (mmol/mol Hb). Für die Umrechnung gilt die Formel:

  • HbA1c in mmol/mol Hb = (HbA1c in Prozent – 2,15) x 10,929
  • HbA1c in Prozent = (HbA1c in mmol/mol Hb x 0,0915) + 2,15

Blutzuckerwerte im Alter

Wer ist alt? Die Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen sieht das so:

  • ab 60 = älter
  • 75 bis 90 = alt
  • ab 90= sehr alt*

Altersdiabetes war früher ein umgangssprachliches Synonym für Diabetes mellitus Typ 2. Grund: Im Alter steigt das Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Das mittlere Alter für eine Diabetes-Typ-2-Neuerkrankung ist bei Männern 61, bei Frauen sind es 63 Jahre.**

Große Gefahr für Menschen ab der Kategorie „älter“: Sie nehmen Unterzuckerungen schlechter wahr als jüngere Menschen. Symptome wie verwaschene Sprache, Gangunsicherheit, Schwindel, Gedächtnis- oder Koordinationsstörungen werden aufs Alter geschoben und nicht mit zu tiefem Blutzuckerspiegel in Verbindung gebracht. Wer aber zu spät merkt, dass eine Unterzuckerung im Anflug ist, kann nicht rechtzeitig Gegenmaßnahmen treffen wie zum Beispiel Traubenzucker essen oder einen süßen Saft trinken. Das kann das Risiko für Stürze erhöhen, die im Alter wiederum oft deutlich schwerwiegendere Konsequenzen haben.

Die schlechtere Wahrnehmung einer Unterzuckerung geht unglücklicherweise einher mit einer schlechteren hormonellen Regulation des Blutzuckers im Alter. Das Hormon Glucagon, das bei drohender Unterzuckerung gespeicherten Zucker in Form von Glykogen zum Beispiel aus der Leber freisetzen kann, reagiert im Alter langsamer.

In der Konsequenz könnten sich häufige Unterzuckerungen negativ auf die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken und sogar bei der Entstehung einer Demenz mitverantwortlich sein. Doch das ist nicht hinreichend belegt.

Quellen

*https://www.gesundheitsinformation.de/was-passiert-beim-altern.html **https://www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_in_zahlen

Diabetes: Blutzucker im Alter
Grundsätzlich gelten zur Diabetes-Diagnose im Alter die gleichen Blutzucker-Werte wie bei jüngeren Patienten.
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Diabetes und Medizinal-Cannabis

Selbst Menschen, die nur an einem Joint gezogen haben – ohne den Rauch zu inhalieren – haben wahrscheinlich schon davon gehört, dass der Konsum von Rauschgift in Form von Gras und Hasch einen erstaunlichen Heißhunger auf „Schoki“ (Schokolade), Speiseeis aus Liter-Eimern, Gummibärchen im Metro-Pack, dreihundert Meter Lakritz-Schnecken und in schwereren Fällen auch auf Junkfood in Höchst-Dosierungen auslösen kann. Konsumenten selbst sprechen von einem „Fressflash“.

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Es gehört keine Professur für Medizin dazu, um zu erahnen, dass eine derart ausgeartete Ernährung den Zuckerhaushalt des menschlichen Körpers auf Dauer ins Straucheln bringen könnte. Maximal 50 Gramm freien Zucker pro Person und Tag, abhängig vom Gewicht, rät die Deutsche Diabetes Gesellschaft.* Sind eine Diabetes-Diagnose und medizinisches Cannabis also unvereinbar?

Quellen

*https://www.ddg.info/diabetes-zeitung/hoechstens-50-gramm-pro-tag

Fläschchen mit Flüssigkeiten und Cannabisblättern im Hintergrund zum Thema Zuckerkrankheit (Diabetes)
Es gibt bereits erste Untersuchungen, die Zusammenhänge zwischen Cannabis und der Zuckerkrankheit untersuchen.
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Chancen beim Einsatz von medizinischem Cannabis bei Zucker

Der für Diabetes interessante Inhaltsstoff von medizinischem Cannabis ist das Cannabinoid Cannabidiol (CBD), nicht zu verwechseln mit dem psychoaktiven Tetrahydrocannabinol (THC). Beide Stoffe sind natürliche Bestandteile der Cannabispflanze und gehören zu den 113 bisher identifizierten Cannabinoiden.

Bevor CBD für den medizinisches Sektor neu entdeckt wurde, stand es in Konsumentenkreisen immer im Schatten des psychoaktiven THC. Denn nur das sorgt für den beim Freizeitkonsum wichtigen Rausch. CBD kann aber Therapien bei bestimmten Krankheitsbildern unterstützen. Dazu gehören: chronische Schmerzen, Angstzustände und Depressionen. Gleichzeitig kann CBD die negativen Rauscheffekte von THC dämpfen.

Medizinisch interessant ist CBD besonders wegen seiner entzündungshemmenden Eigenschaften. Die sind nicht vergleichbar mit der Wirkung von Antibiotika bei bakteriellen Entzündungen, haben aber offenbar positive Effekte. Und weil Diabetes eine entzündliche Stoffwechselerkrankung ist, hat eine Studie am Medizinischen Zentrum „Beth Israel Deaconess“ in Boston diesen Zusammenhang untersucht und festgestellt: Personen, die regelmäßig Cannabis rauchen oder in Arzneiform oral einnehmen, leiden seltener an Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2, als vergleichbare Personengruppen, die keine Cannabis-Erfahrungen haben.

Bei bestimmten Typ-1-Diabetikern (frühere Bezeichnung: Typ-3c-Diabetes) ist eine chronisch entzündete Bauchspeicheldrüse (Insulitismus) Ursache des Insulinmangels. Würde die Entzündung (Inflammation) reduziert werden, könnte das Pankreas die Insulinproduktion wieder hochfahren.

Typ-2-Diabetiker haben eine so reduzierte Insulinsensitivität, dass die Bauchspeicheldrüse immer mehr von dem Hormon produzieren muss. Irgendwann reicht es trotzdem nicht mehr; Blutgefäße, Nerven und andere Strukturen des Körpers leiden an dem toxischen Zuviel an Einfachzucker (Glukose) im Blut. Entzündungen sind die Folge und mit ihnen oft schmerzhafte Stellen auf der Haut, besonders an den Unterschenkeln und Füßen. Aber auch die feinen Strukturen des Auges werden stark in Mitleidenschaft gezogen.

Möglicherweise, so ein weiterer Forschungsansatz, kann CBD sogar direkt oder über einen Umweg die Insulinresistenz des Körpers verringern.

Viel Theorie, vielversprechende Ansätze, wenig wissenschaftlich Belastbares. Das hat – zumindest in Bezug auf die Forschungsmotivation – einen ganz einfachen Grund. CBD ist ein Phyto-Pharmakon, eine pflanzliche Arznei, die sich nicht schützen lässt wie eine Corona-Impfung. Das in die Forschung investierte Geld kommt nur schwer durch den hochpreisigen Verkauf eines neuen, zugelassenen Medikaments zurück zum Entwickler, weil es ohne Schonfrist vom ersten Tag an kopiert werden kann.

Trotzdem: Die wenigen zumeist mit Ratten und Mäusen arbeitenden Studien geben Hinweise darauf, das medizinisches Cannabis therapieunterstützend wirken kann.

So wirkt medizinisches Cannabis bei Diabetes

Die Wirkung von Cannabinoiden beruht auf dem sogenannten Endocannabinoid-System (ECS). Es ist Teil des menschlichen Nervensystems und wird auch als endogenes Cannabinoid-System bezeichnet. Endogen bedeutet, dass der Prozess im Körper stattfindet und nicht auf äußere Einflüsse zurückgeht. Dies ist ein Signalsystem, eine Kommunikationsform des Körpers auf zellulärer Ebene.

Cannabinoide entfalten ihre Wirkung vor allem über die Rezeptoren CB1 und CB2. Rezeptoren sind Bindungsstellen für chemische Botenstoffe. Ein Rezeptor wirkt ähnlich wie ein Schloss und das Cannabinoid als Schlüssel. Falls der Schlüssel (Cannabinoid) ins Schloss (Rezeptor) passt, dockt das Cannabinoid wie ein Legostein an die Zelle an. Durch dieses Andocken wird eine Nachricht übermittelt: Die Körperzelle erhält eine Anweisung und macht, was sie soll.

Als Schlüssel dienen sowohl körpereigene als auch von außen zugeführte Cannabinoide (cannabinoide Medikamente oder eben ein Joint). Körpereigene Cannabinoide werden Endocannabinoide genannt. Sie werden im Körper eines jeden Menschen gebildet und sind Teil des ECS. Dieses entwicklungsgeschichtlich alte System vollführt im Körper eine Art Feintuning – es gleicht viele Vorgänge aus und hält sie in Balance (Homöostase).

Wenn von Diabetes die Rede ist, ist der Parameter, der möglichst im Gleichgewicht bleiben soll, der Blutzuckerspiegel. Damit der Körper den Spiegel konstant halten kann, müssen gleich mehrere Prozesse dafür sorgen, dass die Blutzuckerkonzentration möglichst nicht schwankt. Spezialisierte Zellen der Bauchspeicheldrüse messen ständig den Blutzuckerspiegel. Liegt er nicht im angestrebten Bereich, schüttet die Bauchspeicheldrüse vermehrt eines der beiden Hormone Insulin (senkt) oder Glukagon (erhöht den Blutzuckerspiegel) aus. Zusammen regulieren sie den Blutzuckerspiegel. Auch die Leber ist maßgeblich beteiligt. Sie kann überflüssige Glukose in den „Speicherzucker“ Glykogen umwandeln oder Glukose durch Spaltung des Glykogens wieder abgeben. Überschüssige Glukose kann auch in Form von Fett in Fettzellen gespeichert werden. Wenn dieses System nicht funktioniert, macht es krank – Diabetes. Weil der Körper das Gleichgewicht nicht mehr erhalten kann, verschlechtert sich der Zustand schnell. Herzinfarkte oder Schlaganfälle drohen. Auch Nieren, Augen und Nerven können geschädigt werden. Die Wissenschaft geht davon aus, dass das Endocannabinoid-System die zentrale Rolle bei der Ausbalancierung innerhalb dieses Systems spielt. CBD wirkt als Optimierungselement für dieses System und hilft ihm dabei, effizienter zu arbeiten, um den Gleichgewichtszustand einzuleiten.

Schematische Darstellung des ECS zum Thema medizinisches Cannabis bei Diabetes
Die Wirkung der in medizinischem Cannabis enthaltenen Cannabinoide könnte auch für Diabetes-Patienten interessant sein.
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Diabetes: verschiedenen Cannabis-Sorten für Diabetes-Patienten
Die Therapiehoheit liegt beim behandelnden Arzt: Er gibt vor, welche Cannabis-Sorte ein Diabetes-Patient erhält.
©iStock / OpenRangeStock

Welche Medizinal-Cannabis-Sorten sind geeignet bei Diabetes

Welche Sorten von Cannabis für die Behandlung bei Diabetes am besten geeignet sind, hängt von der chemischen Zusammensetzung der Pflanze ab. Zunächst muss unter den zahlreichen für die Therapie verfügbaren Sorten diejenige gefunden werden, die der Betroffene am besten verträgt und die bei ihm am besten wirkt.

Manche Menschen profitieren am meisten von THC-reichen Sorten. Andere benötigen einen hohen Anteil an CBD und weniger THC bei den gleichen Symptomen. Bei einigen Personen wirken Fertigarzneimittel besser, bei anderen Blüten, die meist nach Verdampfen in einem Vaporisator inhaliert oder – seltener – als Sud getrunken werden.

Letztendlich liegt die Entscheidung, welche Sorte am effektivsten ist und daher zur Anwendung kommen sollte, immer beim behandelnden Arzt. Zudem wirkt jede Cannabis-Variante anders. Gute Indica-Sorten etwa enthalten CBD in therapeutisch ausreichenden Mengen. Allerdings kann die berauschende Wirkung von THC in reinen Indica-Varietäten zu stark sein.

Grenzen von Medizinalcannabis bei Diabetes

Medizinisches Cannabis wird bei Diabetes maximal ergänzend eingesetzt. Doch jede Anwendung ohne vorherige Konsultation eines Arztes fällt in die Rubrik „Freizeitkonsum“.

Die wichtigsten Diabetes-Therapien – auch zur Prophylaxe – bleiben eine zuckerarme, artgerechte Ernährung, regelmäßige Bewegung und Gewichtsabnahme. Ist der Grad der Diabetes-Erkrankung so schwer, dass der Arzt Insulin verschreiben muss, sollten Diabetes-Patienten unbedingt vor der Einnahme von CBD mit ihrem Arzt sprechen, um Risiken durch mögliche Wechselwirkungen auszuschließen.

Die Gefahr solcher Wechselwirkungen scheint jedoch gering. Fallberichte haben bisher gezeigt, dass das Cannabinoid CBD keine Schäden verursacht oder ein kontrolliertes Diätprogramm mit Heißhunger-Attacken (s. „Fressflash“) torpediert. Allerdings könnte die Einnahme von medizinischem Cannabis zusammen mit dem Diabetes-Medikament Metformin das Risiko für Magenverstimmungen erhöhen.

Fazit: Wunder sollte niemand durch die Einnahme von CBD oder medizinischem Cannabis erwarten. Weder kann die Hanfpflanze die Entstehung von Diabetes verhindern, noch kann sie Patienten heilen.

Medizinisches Cannabis (Blüte) für ergänzende Diabetes-Behandlung
Medizinalcannabis könnte in der Diabetes-Therapie ergänzend eingesetzt werden.
©iStock / Cabezonication
CBD-Öl, das auch Diabetes-Patienten einnehmen könnten
Wer als Diabetes-Patient CBD-Öl einnimmt, hat keinerlei berauschende Wirkungen zu befürchten.
©iStock / Cabezonication

Dosierung von CBD bei Diabetes

Welche Dosis CBD oder medizinisches Cannabis den größten therapeutischen Nutzen hat, ist individuell unterschiedlich. Das Endocannabinoid-System (ECS), mit dem die von außen zugeführten, also exogenen Cannabinoide der Hanfpflanze interagieren, variiert beim Menschen im Feintuning genauso wie Haut- und Haarfarbe. Eine allgemeine Dosierungsempfehlung gibt es deswegen nicht.

Ein Herantasten an die richtige Dosis erfolgt, wie bei anderen Medikamenten auch, immer von unten nach oben. Das erfordert allerdings auch eine medizinische Kontrolle des Therapieerfolgs. Am einfachsten ist das mit CBD-Öl, das präzise dosiert werden kann. Die eingenommene Menge sollte frühestens nach einer Woche angepasst werden.

Als unproblematische Startdosierung gelten zweimal vier Tropfen CBD-Öl täglich. Es wird mit einer Pipette direkt unter die Zunge getropft. Anschließend eine bis zwei Minuten warten, dann schlucken. So erhält die Mundschleimhaut genügend Zeit, die Inhaltsstoffe aufzunehmen. Anschließend sollte etwa 20 Minuten auf Essen und Trinken verzichtet werden.

Die Maximaldosis ist überschritten, wenn Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Konzentrationsstörungen oder Kopfschmerzen auftreten. In dem Fall zurückgehen auf die Dosierung, die unproblematisch war.

CBD wirkt nicht so schnell wie eine Kopfschmerztablette, sondern muss über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Bei wiederholter Anwendung wird der Wirkstoff gespeichert und bleibt länger im Körper. Angst vor psychischer und physischer Abhängigkeit muss niemand haben. CBD-Produkte, das gilt auch für Blüten, die einen THC-Anteil von nicht mehr als 0,2 Prozent haben, haben keine berauschende Wirkung und machen nicht abhängig. Eine CBD-Therapie kann völlig unproblematisch zu jedem Zeitpunkt abgebrochen werden.

Wer medizinisches Cannabis verschreiben darf

Wer glaubt, dass bei seinem Diabetes-Typ eine Therapie mit medizinischem Cannabis unterstützend infrage kommen könnte, sollte das auf jeden Fall mit einem Arzt besprechen. Das Problem besteht darin, einen der immer noch relativ wenigen Ärzte zu finden, die sich ergebnisoffen und seriös mit dem Thema Medizinalcannabis beschäftigt haben.

Grundsätzlich darf jeder Arzt – ausgenommen Zahn- und Tierärzte – Medizinalcannabis verschreiben. Er muss auf der Verordnung auch die Cannabis-Sorte notieren. Parallel zu einem ersten Gesetzesentwurf für eine Legalisierung von Cannabis auch für den Freizeitkonsum, tauchte der Vorschlag auf, dass nur Fachärzte mit Zusatzqualifikation in Zukunft zum Cannabis-Rezeptblock greifen dürfen.* Was aus diesem von vielen Fachleuten als „realitätsfern“ eingestuften Vorhaben wurde, stand beim Schreiben noch nicht fest.

Quellen

*https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/medizinisches-cannabis/g-ba-cannabis-nur-noch-vom-facharzt/

Diabetes:  wer medizinisches Cannabis verschreiben darf
Medizinisches Cannabis darf in Deutschland jeder Haus- und Facharzt verschreiben, außer Zahnärzte.
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Apothekerin gibt Patient sein Medikament für die Cannabistherapie, welcher die Krankenkasse zugestimmt hat
Ob die Krankenkasse die Kosten für eine Cannabistherapie übernimmt, ist vor Therapiebeginn zu erklären. Wenn nicht, muss der Patient selbst zahlen.
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Die Krankenkasse muss Cannabistherapie zustimmen

Der Verordnung einer Cannabistherapie innerhalb der zugelassenen Indikationsgebiete durch einen Arzt muss in den meisten Fälle die Krankenkasse zustimmen. Die Entscheidung soll spätestens drei Wochen nach Antragseingang vorliegen. Wird der Medizinische Dienst der Krankenkasse (MDK) als Gutachter hinzugezogen, kann sich das Zustimmungsverfahren über fünf Wochen ziehen.

Liegt die Zustimmung vor, kann das Medizinalcannabis über eine Apotheke bezogen werden: pro Monat maximal 100 Gramm mit einer Rezeptgebühr von mindestens fünf und höchstens zehn Euro. Im Gegensatz zu einem Selbstzahler übernimmt die Krankenkasse die relativ hohen Kosten für das Medizinalcannabis praktisch in voller Höhe.

Kann der Patient die erforderlichen Voraussetzungen nicht erfüllen, wird der Antrag auf Kostenübernahme abgelehnt. In diesem Fall hat der Patient die Möglichkeit, innerhalb eines Monats nach Erhalt des Ablehnungsschreibens Widerspruch einzulegen. Der Widerspruch sollte begründet sein. Das heißt, der Versicherte sollte schriftlich Stellung dazu nehmen, warum er mit der Entscheidung nicht einverstanden ist. Es empfiehlt sich auch, dem Widerspruch eine ärztliche Stellungnahme beizufügen.

Eine weitere Option ist es, mit einem Privatrezept die Medikamente auf eigene Kosten zu beziehen (Selbstzahler). Voraussetzung dafür ist, dass sich ein Arzt bereit erklärt, das medizinische Cannabis zu verordnen.

Schwarzmarkt-Cannabis: keine gute Idee

Medizinalcannabis ist nur bedingt mit Cannabis vom Schwarzmarkt zu vergleichen. Die entscheidenden Wirkstoffe sind zwar in den illegalen Züchtungen genauso enthalten wie in den Cannabisblüten, die aus streng kontrolliertem Anbau kommen, aber was sonst noch so drin ist im Straßen-Weed – keiner weiß es so genau. Das können dubiose Substanzen sein, die das Gras für einen höheren Verkaufserlös schwerer machen sollen, oder Pilze, die beim nicht sachgemäßem Erntehandling den Weg in die Pflanze gefunden haben.

Die enthaltene Wirkstoffmenge des berauschenden THC ist beim Dealer um die Ecke reine Glückssache. Gerade für ungeübte Raucher kann das unangenehme Folgen haben. Immerhin zu knapp 100 Prozent ohne Lebensgefahr, aber rustikale Kreislaufprobleme, Tachykardien (Herzrasen) oder ein deutlich eingeschränkter Bewusstseinszustand stehen wahrscheinlich bei den wenigsten Menschen auf dem Wunschzettel. Soll Cannabis einen therapeutischen Nutzen haben, ist von entscheidender Bedeutung, in welchem Verhältnis die Cannabinoide THC und CBD enthalten sind. Auch andere Inhaltsstoffe wie verschiedene Terpene beeinflussen die Wirkung von Cannabis. Nur Medizinalcannabis wird so kontrolliert und hygienisch produziert, dass Patienten wissen, was sie bekommen.

Diabetes: Schwarzmarkt-Cannabis
Kein Cannabis aus dubiosen Quellen für medizinische Zwecke nutzen! Nur medizinisches Cannabis bietet standardisierte und kontrollierte Wirkstoffe.
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Prädiabetes – die unterschätzte Gefahr

Prädiabetes kennzeichnen zwei Dinge:

  1. Es ist noch nicht zu spät.
  2. Es hat bereits angefangen.

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Sagt der Arzt „Sie haben einen Prädiabetes“, klingt das erst einmal harmlos. Ist nur die Vorstufe eines Diabetes. Darin stecken zwei Denkfehler.

  1. Der Zuckerstoffwechsel ist bereits krankhaft verändert.
  2. Der Grenzwert für eine Diabetes-Diagnose von 126 mg/dl Nüchternzucker ist relativ willkürlich gesetzt. Willkürlich, weil er eine Zuckermenge beschreibt, die mit einem signifikanten Anstieg von Diabetes-Symptomen wie schweren Schädigungen des Auges (diabetische Retinopathien) einhergeht.
Experte für Prädiabetes-Symptome und Diabetes: Prof. Dr. Michael Roden
Experte für Prädiabetes- und Diabetes-Symptome: Prof. Dr. Michael Roden.
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Prädiabetes: Symptome

Welche Diabetes-Symptome genau schon in dieser Diabetes-Vorstufe auftauchen, hat das Deutsche Diabetes-Zentrum (DDZ) in einer Übersichtsarbeit der bisherigen Studienlage und deren Aussagekraft analysiert und bewertet:

„Wir sprechen hier von einem sogenannten Umbrella-Review. Solche Übersichtsarbeiten fassen Daten aus Meta-Analysen zusammen, die wiederum alle Einzelstudien zu einem bestimmten Thema bündeln. Hier wurde der Zusammenhang zwischen Prädiabetes und dem Risiko diabetesbedingter Begleiterkrankungen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass der Prädiabetes mit einem erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen, chronischer Nierenerkrankung, Demenz sowie Krebs und generell mit einer höheren Sterblichkeitsrate zusammenhängt. Prädiabetes ist somit gefährlicher als angenommen und verlangt erhöhte Aufmerksamkeit nicht nur durch die Wissenschaft, sondern auch in der klinischen Praxis.“



Prof. Dr. Michael Roden, Wissenschaftlicher Direktor und Vorstand des DDZ*
Quellen

*https://ddz.de/praediabetes-gefaehrlicher-als-angenommen/

541 Millionen Menschen weltweit leiden an Prädiabetes-Anzeichen

Genau wie Diabetes Typ 2 nimmt Prädiabetes weltweit stark zu. Die International Diabetes Federation (IDF) geht für das Jahr 2021 davon aus, dass etwa 10,6 Prozent der erwachsenen Bevölkerung weltweit an Prädiabetes leiden. Das sind etwa 541 Millionen Menschen. Bis 2045 könnten bereits 730 Millionen Menschen betroffen sein und Prädiabetes-Symptome entwickeln.

730 Millionen Menschen, bei denen es nur eine Frage der Zeit ist, wann sich ein Diabetes mellitus Typ 2 mit seinen radikalen Krankheitssymptomen manifestiert. Prädiabetes ist das Zeitfenster, der Slot, in dem eine Umstellung der Lebensgewohnheiten auf mehr Bewegung und eine zuckerarme Ernährung den Zuckerstoffwechsel wieder in gesunden Bahnen laufen lassen kann.

Ist Diabetes heilbar?

Wer sich nur wenig bis gar nicht mit der Zuckerkrankheit beschäftigt hat, denkt möglicherweise „Warum heilen? Insulin spritzen geht doch auch“. Ganz falsch. Insulin ist bei schweren Fällen von Diabetes mellitus alternativlos – aber es heilt die Krankheit nicht. Ob Diabetes mellitus heilbar ist oder nicht, hängt vor allem vom Typ des Diabetes ab.

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Ist Diabetes mellitus Typ 1 heilbar?

Die schlechte Nachricht: Stand jetzt ist ein Typ-1-Diabetes mellitus nicht heilbar. Die gute Nachricht: Sie arbeiten dran. Bislang sind die meisten Typ-1-Diabetiker ihr Leben lang auf Insulinspritzen angewiesen. Beim Diabetes Typ 1 sind die für die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) zuständigen Betazellen so stark dezimiert, dass sie keine ausreichende Menge des Hormons Insulin zum Zuckerstoffwechsel beisteuern können. Das fehlende Insulin muss deswegen von außen zugeführt werden, damit die Glucose im Körper verarbeitet werden kann.

Der Hoffnungsschimmer für Typ-1-Diabetiker: eine Stammzellentherapie. Schon heute ist es möglich, insulinproduzierende Betazellen zu transplantieren. Die sind allerdings sehr rar, weil sie aus Organspenden Verstorbener gewonnen werden.

Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 1,6 Millionen Euro geförderte Konsortium PancChip arbeitet daran, die fehlenden Betazellen aus patienteneigenen Stammzellen zu züchten. Prof. Dr. Heiko Lickert, Direktor des Instituts für Diabetes- und Regenerationsforschung (IDR) am Helmholtz Zentrum München und Inhaber des Lehrstuhls für Betazellbiologie an der Technischen Universität München (TUM) leitet das Projekt zusammen mit dem Bioingenieur Dr. Matthias Meier, Teamleiter am Münchner Helmholtz Pioneer Campus (HPC).

„Für die Betroffenen ist es eine vielversprechende Alternative, diese lebenswichtigen Zellen aus Stammzellen zu gewinnen. Mit einer Zellersatztherapie haben wir eine Chance auf Heilung von Diabetes Typ 1, anstatt wie bisher die Symptome zu behandeln.“


Prof. Dr. Heiko Lickert vom IDR*
Quellen

*https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/diabetesforschung-mini-labor-auf-dem-chip-13831.php

Prof. dr. Heiko Lickert forscht für die Heilung von Diabetes mellitus Typ 1.
Forscht für die Heilung von Diabetes mellitus Typ 1: Prof. Dr. Heiko Lickert.
©iStock / Helmholtz Zentrum München

Ist Diabetes mellitus Typ 2 heilbar?

Diabetes Typ 2 ist nicht nur im Anfangsstadium in vielen Fällen heilbar, er ist in den meisten Fällen auch vermeidbar. Beim Typ-2-Diabetes dreht sich bei Heilung und Vermeidung fast alles um Ernährung und Bewegung. Im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes liegt keine Schädigung der Bauchspeicheldrüse (des Pankreas) vor, die nicht mehr ausreichend Insulin produzieren kann. Beim früher auch als „Altersdiabetes“ bezeichneten Typ 2 ist eine zu hohe Insulinresistenz oder – positiver formuliert – zu schlechte Insulinsensitivität der Grund für die zu hohen Blutzuckerwerte (Bz-Werte).

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 4


Jugendliche mit Typ-2-Diabetes entwickeln schon früh Folgeerkrankungen

S6: Das haben Forscher untersucht

Immer mehr Menschen erkranken schon als Jugendliche an Typ-2-Diabetes. Diese Studie* hat untersucht, ob sie auch schon früher typische Folgeerkrankungen des Diabetes entwickeln.

*TODAY Study Group. Long-Term Complications in Youth-Onset Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2021; 385:416-426. doi: 10.1056/NEJMoa2100165

S6: So ist die Studie aufgebaut

Die Studie beobachtete 500 Jugendliche mit Typ-2-Diabetes bis ins Erwachsenenalter hinein. Sie wurden jährlich auf diabetische Nierenerkrankungen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und diabetische Neuropathien (Nervenerkrankungen) untersucht, außerdem zweimal auf Netzhauterkrankungen. Im Schnitt wurden sie 13 Jahre lang nachbeobachtet.

S6: Das hat die Studie ergeben

Knapp 68 % der Studienteilnehmer entwickelten einen Bluthochdruck, fast 52 % eine Fettstoffwechselstörung, 55 % diabetische Nierenerkrankungen und 32 % eine diabetische Neuropathie. Netzhauterkrankungen traten bei bis zu 51 % der Studienteilnehmer auf.

60 % der Teilnehmer hatten mindestens eine Folgeerkrankung und 28 % mindestens zwei. Ein besonders hohes Risiko für Folgeerkrankungen hatten Diabetespatienten, die zu einer Minderheit oder bestimmten ethnischen Gruppen (z. B. Afroamerikaner) gehörten, aber auch diejenigen mit zu hohen Blutzucker-, Blutdruck- oder Blutfettwerten.

S6: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Bei Menschen, die in der Jugend an Typ-2-Diabetes erkranken, nimmt das Risiko für Folgeerkrankungen im Laufe der Zeit stetig zu. Beim Erreichen des jungen Erwachsenenalters sind die meisten Patienten betroffen. Die Belastung durch diabetesspezifische Folgeerkrankungen in dieser Patientengruppe ist hoch.

Frühe Behandlung kann Zuckerkrankheit heilen

„Viele Menschen kennen ihr Risiko nicht oder verdrängen es“, sagt Dr. Jens Kröger, Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie in Hamburg sowie Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes-Hilfe. Neben einer familiären Disposition erhöhen vor allem Übergewicht und fehlende Bewegung das Risiko, an Diabetes zu erkranken. Doch wer früh reagiert und sein Leben umstellt, hat sehr gute Chancen, den Diabetes in den Griff zu bekommen.

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Keine Diabetes-mellitus-Symptome in der Anfangsphase

Die Symptome der Anfangsphase bei einem Diabetes mellitus Typ 2 sind schnell aufgezählt, es gibt keine. Nur ein Bluttest kann zu Beginn der Krankheit Auskunft darüber geben, ob der Zuckerstoffwechsel krankhaft gestört ist. Wer zu einer Risikogruppe gehört, ist deswegen gut beraten, sich schon früh ein Bild zu machen.

Diabetologe Jens Kröger: „Vor dem Hintergrund fehlender Symptome ist es wichtig, sich im Rahmen des Gesundheits-Check-ups ab dem 18. Lebensjahr einmal und ab 35 alle drei Jahre untersuchen lassen, um eine mögliche Erkrankung schnell zu erkennen und rasch zu behandeln.“ Risikogruppe für einen Diabetes mellitus Typ 2 sind nicht nur ältere Menschen, auch junge Menschen im Teenageralter können betroffen sein. Neben einer genetischen Disposition trifft es vor allem übergewichtige Menschen, die sich wenig bewegen.

Diabetes: dauerhafte Überzuckerung erblindeter Mann
Bei dauerhafter Überzuckerung können Betroffene erblinden.
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Hyperglykämie (Überzuckerung) schädigt den Körper

Was ist so gefährlich an Diabetes? Kurz und bündig gesagt: Bekommt der Betroffene den Zucker nicht in den Griff, schädigt dieser im Blut die Zellen der Blutgefäße und verstopft sie. Die Rate für Herzschwäche und -infarkt sowie Schlaganfall ist erhöht, es drohen Schäden an Füßen, Nerven, eine eingeschränkte Nieren- und Sexualfunktion sowie Probleme mit den Augen. 40.000 Betroffene im Jahr verlieren Beine, Füße oder Zehen, 2.000 erblinden. Dazu droht im Alter Demenz, auch die Lebenserwartung ist kürzer.

Kaum Diabetes-Präventionsmodelle in Deutschland

In Deutschland fehle die Diabetes-Prävention, beklagt Dr. Jens Kröger von der Deutschen Diabetes-Hilfe und: „Im Jahr 2040 werden wir 12,3 Millionen Erkrankte haben. 13 Millionen Menschen derzeit haben schon einen Prädiabetes entwickelt. Wie können wir das aufhalten?“

Weil es in Deutschland kaum Angebote gebe, die präventiv wirken, wirbt der Facharzt für Onlineangebote und die Methoden künstlicher Intelligenz, um mehr Menschen zu erreichen. „Zu viele erfahren nicht von den Angeboten vor Ort oder nutzen sie nicht. Auch die Krankenkassen sagen: Um Vorbeugung muss sich jeder selbst kümmern. Das stimmt zwar, es funktioniert aber nicht.“ Zu viele seien mit den Infos allein gelassen.

Macht ein Patient einen Zuckertest und die Werte sind im Prädiabetesbereich, höre er oft: „Das ist noch kein Diabetes, aber passen Sie auf!“ Das ist für den Diabetologen eine zu allgemeine Botschaft. Wüsste der Betroffene, dass er zu einer Hochrisikogruppe gehört und an einem Onlinekurs teilnehmen kann, dann hätte das eine ganz andere Signalwirkung. „Solche direkten Angebote im Gesundheitssystem brauchen wir“, fordert Kröger. 

Diabetes: Diabetes-Risiko
Fatal unterschätzt: das eigene Diabetes-Risiko.
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Diabetes-Risiko erkennen

Zudem müssten mehr Menschen dazu gebracht werden zu verstehen, dass sie ein erhöhtes Risiko für einen Typ-2-Diabetes haben und tatsächlich aktiv, etwa mit Gewichtverlust, gegensteuern könnten. Dazu gab es laut dem Diabetologen Kröger „eine sehr erhellende Umfrage“. Bei dieser schätzten in einer Gruppe mit hohem Risiko nur 2,1 Prozent dies adäquat ein – obwohl sie Erkrankte in der Familie hatten. Und nur 9,7 Prozent wussten überhaupt, dass sie ihr Risiko selbst beeinflussen können.

Kröger: „Ich erlebe leider oft in der Praxis, dass sogar Menschen, die ihren Vater gepflegt haben, in dem Moment, wo sie selber Symptome feststellen, diese einfach ignorieren. Wir kommen also nur weiter, wenn wir näher an die Menschen heranrücken“, sagt der Diabetes-Experte.

Diabetes testen: Auf moderne Methoden der Früherkennung setzen

Fragebögen wie der online verfügbare deutsche Diabetes-Risikotest, können helfen, Risikofaktoren für eine Diabetes-Erkrankung frühzeitig zu erkennen. Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Risikopersonen hinsichtlich der Entwicklung eines Typ-2-Diabetes und möglicher Folgen besser unterrichtet werden könnten. Es werden Clustergruppen gebildet, bei denen eine Anzahl von Parametern untersucht wird, darunter Geschlecht und Bauchumfang, „Waist-Hip-Ration“ (Taille-Hüft-Verhältnis) sowie der Nüchternblutzucker. So könne gut eingeschätzt werden, wer ein hohes Risiko hat, meint Diabetologe Jens Kröger.

Spannend sei auch: „Wir wissen, dass bei einer bestimmten Gruppe von Menschen das Problem nicht ein eventuell sich entwickelnder Diabetes ist, sondern dass bei diesen Menschen schon früh Folgekrankheiten, zum Beispiel an den Nieren, angelegt werden. An der Uniklinik Tübingen wird an einer individuell einsetzbaren App gearbeitet.“ Positiv sieht es Kröger, dass auch, wenn es schlecht um die Prävention bestellt sei, es in der Therapie gute Angebote gebe. „Wir sind das Land mit den meisten Schulungsprogrammen vor Ort auf allen Ebenen: Ernährung, Insulin, psychische Probleme, Fußprobleme. Das ist toll, denn das Selbstmanagement ist bei der Krankheit entscheidend“, lobt der Experte.

Person möchte sich auf Diabetes testen lassen und füllt Fragenbogen am Tablet aus.
Bevor man sich bei Arzt auf Diabetes testen lässt, kann man online ermitteln, ob ein erhöhtes Diabtetes-Risiko vorliegt.
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Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs): Diabetes-Apps

Ebenfalls interessant sind sogenannte DiGAs, Digitale Gesundheitsanwendungen auf Kassenkosten. DiGAs, therapiebegleitende Onlineprogramme, sind keine normalen Apps. Sie müssen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zertifiziert werden, Studien inklusive. Im Bereich Diabetes gibt es drei DiGAs:

  • Vitadio > ermittelt gesundheitliche Defizite im Tagesablauf und erstellt To-do-Listen für die Gesundheit
  • Esysta > vollautomatisches Diät-Tagebuch, das drahtlos mit den Daten aus Blutzuckermessgerät und Insulinpens gefüttert wird
  • HelloBetter Diabetes und Depression > Online-Kurs, um depressive Beschwerden und emotionale Belastungen in Zusammenhang mit Diabetes zu verringern

„Diese drei DiGAs sind evaluiert und haben bewiesen, dass sie wirken“, so der Hamburger Facharzt Dr. Jens Kröger. Digitale Gesundheitsanwendungen gibt es auch für Menschen, die unter starkem Übergewicht oder Adipositas leiden, und somit ein deutlich erhöhtes Risiko haben, an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken. Die Kosten für die DiGAs „Zanadio“ und „Oviva direkt“ werden von den Kassen bei Patienten mit einem BMI von mehr als 30 übernommen.

Diät und Bewegung: Unterstützung für die Bauchspeicheldrüse (Pankreas)

Wer Zucker hat, spritzt Insulin und isst einfach ganz normal weiter. So ließe sich – dramatisch verkürzt – das Behandlungskonzept der früheren Jahre beschreiben. Heute weiß die Medizin, dass Insulin nur eine der letzten Therapie-Optionen ist. Wichtig ist eine auf den Diabetes abgestimmte Ernährung. Das bedeutet vor allem: eine Diät mit wenig Zucker und sparsam mit den schnellen Kohlenhydraten im Essen.

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Diabetes-Diät: Gewicht verlieren ist der erste Schritt

Wichtig neben einer Diabetes-Diät ist zunächst einmal regelmäßige Bewegung – am besten an der frischen Luft. Ausdauersport wie Nordic Walking, Schwimmen oder Radfahren erhöht die Aufnahme des Blutzuckers in die Muskelzellen. Ganz abgesehen davon, dass im besten Falle die Pfunde schwinden oder zumindest die Anzeige der Waage nicht weiter nach oben klettert. Noch effektiver ist eine Mischung aus Sport und Krafttraining. Studien belegen, dass die Kombination das Risiko für Herzinfarkt bei Typ-2-Diabetikern um 30 Prozent reduziert.

Diabetes-Diät
Wer bei Diabetes Diät hält und sich ausreichend bewegt, kann ggf. auf Medikamente verzichten.
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Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 5


Bis zu 60 Minuten Krafttraining pro Woche reduzieren das Diabetesrisiko am besten

S2: Das haben Forscher untersucht

Regelmäßiges Krafttraining kann das Risiko für Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes senken. Empfohlen werden muskelstärkende Übungen mit Gewichten und Widerstandsbändern, aber auch Liegestütze, Sit-ups und Kniebeugen. Diese Studie* untersuchte, wie lange genau Erwachsene pro Woche trainieren müssen, um ihr Risiko für Diabetes und andere Erkrankungen zu reduzieren.

*Momma H et al. Muscle-strengthening activities are associated with lower risk and mortality in major non-communicable diseases: a systematic review and meta-analysis of cohort studies. Br J Sports Med. 2022 Jul;56(13):755-763. doi: 10.1136/bjsports-2021-105061.

S2: So ist die Studie aufgebaut

Es handelt sich um eine Übersichtsarbeit, in der Daten aus 16 Studien zusammengefasst und analysiert wurden. Die Zahl der Studienteilnehmer schwankte zwischen fast 4.000 und fast 480.000 pro Studie. In den analysierten Studien wurde der Zusammenhang zwischen Krafttraining unterschiedlicher Dauer und dem Auftreten verschiedener Erkrankungen bei Personen über 18 Jahren untersucht.

S2: Das hat die Studie ergeben

Krafttraining senkte demnach das Risiko für Typ-2-Diabetes, aber auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Außerdem hatten Studienteilnehmer, die regelmäßig muskelstärkende Übungen absolvierten, ein geringeres Sterberisiko.

Am stärksten sank das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, bei bis zu 60 Minuten Krafttraining pro Woche. Es gab keine Hinweise darauf, dass sich das Risiko durch mehr Krafttraining weiter verringern lässt.

Als besonders gesundheitsförderlich erwies sich eine Kombination aus Krafttraining und Ausdauertraining. Sie hatte keinen zusätzlichen Effekt auf das Diabetesrisiko, schützte aber am besten vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Tod.

S2: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Eine Kombination aus Krafttraining und Ausdauertraining bringt den größten gesundheitlichen Nutzen. Dabei bringt es keinen zusätzlichen Vorteil, mehr als eine Stunde pro Woche mit muskelkräftigenden Übungen zu verbringen.

Die zur Verfügung stehenden Daten zur optimalen „Dosis“ von Krafttraining sind noch begrenzt. Deshalb sind weitere Studien notwendig, um die gewonnenen Ergebnisse zu bestätigen.

Diabetes: Fettreduziert und viele Ballaststoffe
Ausreichend Ballaststoffe sind wesentlich für eine gesunde, ausgewogene Ernährung.
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Fettreduziert und viele Ballaststoffe

Die zweite wichtige Säule ist die Ernährung, die fettreduziert, aber ballaststoff– und eiweißreich sein sollte. Vor allem sollten säurebildendes Schweinefleisch und Fertigprodukte (enthalten versteckten Zucker) am besten komplett aus dem Kühlschrank verbannt werden. Besser auf basische Kost wie Blattgemüse und Nüsse setzen. Regelmäßig auf den Teller sollten ballaststoffreiche Lebensmittel wie Linsen und Bohnen sowie Vollkornprodukte aus Weizen, Hafer oder Roggen. Die Stoffe lassen den Blutzucker nur langsam ansteigen und sorgen für ein längeres Sättigungsgefühl. Eine weitere wichtige Quelle ist Folsäure (Vitamin B9), das an der Zellteilung und -erneuerung beteiligt ist. Gute Lieferanten sind pflanzliche Lebensmittel wie Blattsalate, Weißkohl, Spinat und Fenchel.

BMI sollte mindestens unter 30 liegen

Laut Prof. Dr. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf, ist beim Essen nicht fettarm die Devise, sondern dies: mehr Öle, dafür weniger Kartoffeln, Nudeln und Brot, die den Insulinspiegel hochtreiben. Also ein Speiseplan, der alles andere als genussarm ist. Oftmals reiche es auch schon, von einem BMI im Bereich der Fettleibigkeit (über 30) auf die Kategorie Übergewicht (BMI 25 bis 30) zu gelangen. Genau dies falle aber mit Insulin schwer, mahnt Martin.

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 6


Erhöhtes Diabetesrisiko bei Nachtarbeitern sinkt, wenn sie nur tagsüber essen

S5: Das haben Forscher untersucht

Die Arbeit in Nachtschichten ist mit einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden. Die Verrichtung alltäglicher Aufgaben in der eigentlichen Ruhephase des Körpers stört die „Innere Uhr“ des Menschen, was wiederum zu Glukoseintoleranz, einer Vorstufe des Typ-2-Diabetes, führen kann. Diese Studie untersuchte, ob es im Hinblick auf das Diabetesrisiko einen Unterschied macht, wann Nachtarbeiter ihre Mahlzeiten zu sich nehmen.

*Chellappa SL et al. Daytime eating prevents internal circadian misalignment and glucose intolerance in night work. Sci Adv. 2021 Dec 3;7(49):eabg9910. doi: 10.1126/sciadv.abg9910.

S5: So ist die Studie aufgebaut

An der Studie nahmen 19 gesunde junge Erwachsene teil. Sie hielten sich 2 Wochen lang in einer kontrollierten experimentellen Umgebung auf, zu der auch simulierte Nachtschichten gehörten. 9 Studienteilnehmer nahmen ihre 3 Mahlzeiten und einen Snack ausschließlich tagsüber zu sich (zwischen 7 und 19 Uhr). Die restlichen 10 Probanden aßen sowohl tagsüber als auch nachts.

S5: Das hat die Studie ergeben

Bei den Studienteilnehmern, die ausschließlich tagsüber aßen, zeigten sich keine Veränderungen der inneren Uhr und auch keine Glukoseintoleranz. Bei den Probanden, die tags und nachts Mahlzeiten zu sich nahmen, stieg dagegen der Blutzucker nach dem Essen über das gesunde Maß hinaus an.

S5: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Die experimentellen Ergebnisse deuten darauf hin, dass es vor allem das nächtliche Essen ist, das die „Innere Uhr“ bei Nachtarbeitern verstellt. Möglicherweise ließe sich Glukoseintoleranz bei Schichtarbeitern verhindern, indem sie auf nächtliche Mahlzeiten verzichten.

Weitere Studien mit Menschen, die tatsächlich im Schichtdienst arbeiten, sind erforderlich, um herauszufinden, ob sich der vorteilhafte Effekt auf die Glukosetoleranz auf diese Bevölkerungsgruppe übertragen lässt.

Diabetes: Heilfasten erneuert die Zellen
Heilfasten kann sich positiv auf die Zuckerverarbeitung im Körper auswirken.
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Heilfasten erneuert die Zellen

Unterstützend wirken soll zudem ein Extrakt des Jambulbaums, der als Tinktur eingenommen wird. Er soll die Bauchspeicheldrüse schützen und den Blutzuckerspiegel ausgleichen (z. B. in „Glycowohl“). Auch ein kontrollierter Essensverzicht kann Diabetikern zugutekommen wie das Heilfasten. Mit dieser Methode ernährt sich der Proband je vier bis sieben Tage lang nur von Flüssigem (Mineralwasser, ungesüßten Tee und Gemüsebrühe). Das regt im Körper eine Art Zell-Recycling an. Studien zeigen, dass sich nach der Fastenkur die Zuckeraufnahme und -verarbeitung im Körper verbessern. Aber das sollte nicht eigenmächtig angefangen, sondern vorher mit dem Arzt besprochen werden. So ist die Methode etwa bei einer Nierenerkrankung tabu.

Formuladiät motiviert auf Dauer – auch Diabetes-Patienten

Experte Stephan Martin findet, dass in Deutschland zu oft Insulin verschrieben wird. Ebenso erfolgreich könne eine Gewichtsreduktion auf längere Sicht sein, idealerweise mit einer Formuladiät, etwa mit „Almased“ (Apotheke). Unter einer Formuladiät sind flüssige Ersatzmahlzeiten („Shakes“) mit einer festen Nährstoff-Zusammensetzung zu verstehen. Sie enthalten in der Regel einen hohen Anteil an Eiweißen.

Martin erprobt diese Methode seit langem mit seinen Patienten. Mit einer Formuladiät gelang es auch in einer englischen Studie einer Gruppe von 800 übergewichtigen Typ-2-Diabetikern zwischen 20 und 65 wieder ohne Medikamente auszukommen. Fast jeder zweite von ihnen erreichte nach der Diät wieder normale HBA1c-Werte. Daher ist der Düsseldorfer Experte überzeugt, dass mit dieser Ernährungsform eine Anfangsmotivation über zwei Wochen erreicht werden könnte, die den Patienten weitertrage in eine neue Art, sich zu ernähren – mit weniger Kohlenhydraten, dafür vielen gesunden Fetten wie Olivenöl und Nüssen.

Shake für Formuladiät, zum Beispiel wegen Diabetes
Shakes können einzelne Mahlzeiten gut ersetzen.
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Magnesium mildert Spätfolgen ab

Diabetiker sollten auf ihren Magnesium-Spiegel achten: Der Mineralstoff fördert die Insulin-Wirkung und trägt so zu einer Verbesserung der Blutzucker-Einstellung bei. Zudem kann ein ausgeglichener Magnesium-Haushalt den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und Spätfolgen abmildern. Gute Quellen sind Sonnenblumenkerne, Brokkoli und Nüsse. Zudem kann der Stoff über Präparate wie „Magnesium Diasporal“ (Apotheke) eingenommen werden.

Diabetes oder nicht: am besten Getränke ohne Zucker

Ganz klar: Die gesündesten Getränke für Diabetiker sind Getränke ohne Zucker, also Wasser und ungesüßte Tees. Auf Dauer tendenziell langweilig. Da fragt sich sicher der eine oder die andere Betroffene, welche Flüssigkeiten mit Geschmack er oder sie trinken darf, ohne dass die Blutzuckerwerte ungebremst in die Höhe schießen.

Ist hart, aber: Softdrinks wie Cola sollten am besten komplett vermieden werden. Light-Getränke sind ebenfalls nicht zu empfehlen. Denn durch Süß- und Aromastoffe steigt der Appetit auf Süßes. Etwas komplizierter ist es bei Fruchtsäften. Die meisten Durstlöscher enthalten nicht nur natürliche Fructose, sondern werden mit zusätzlichem Zucker angereichert. Sogar bei Direktsäften, die sofort nach dem Auspressen in Flaschen gefüllt werden, dürfen bis zu 15 g Zucker hinzugegeben werden, um einen sauren Geschmack auszugleichen. Als unbedenklich gilt frisch gepresster Saft aus reifen Früchten. Dennoch sollte es auch hiervon nicht mehr als ein Glas pro Tag sein. Andere Säfte am besten im Verhältnis 1:5 mischen.

Diabetes: Magnesium
Immer die beste Wahl: Getränke ohne Zucker.
©iStock / DirkRietschel

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 7


Bei Übergewicht und Diabetes helfen auch Light-Getränke beim Abnehmen

S3: Das haben Forscher untersucht

Übergewichtigen wird empfohlen, zur Gewichtsreduktion auf zuckerhaltige Getränke wie Limonade zu verzichten und stattdessen zu Wasser zu greifen. Ob kalorienfreie, mit Süßstoffen gesüßte Getränke (Light-Getränke) ebenfalls eine Alternative darstellen, ist umstritten. Diese Studie* untersuchte, ob bei Diabetes oder erhöhtem Diabetesrisiko auch Light-Getränke beim Abnehmen helfen.

*McGlynn N et al. Association of Low- and No-Calorie Sweetened Beverages as a Replacement for Sugar-Sweetened Beverages With Body Weight and Cardiometabolic Risk. A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Netw Open . 2022 Mar 1;5(3):e222092. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2022.2092.

S3: So ist die Studie aufgebaut

Es handelt sich um eine Übersichtsarbeit, in der Daten aus 17 Studien zusammengefasst und analysiert wurden. Die verschiedenen Studien untersuchten, ob Light-Getränke bei Übergewichtigen mit hohem Diabetesrisiko oder bereits bestehendem Diabetes ebenso zu einer Gewichtsreduktion beitragen wie Wasser. Die Gesamtzahl der Teilnehmer in allen Studien lag bei 1.733.

S3: Das hat die Studie ergeben

Der Umstieg von gezuckerten Getränken auf Light-Getränke führte bei den Studienteilnehmern zu einer Reduktion des Körpergewichts um im Schnitt 1 kg. Auch der Body-Mass-Index (BMI), der Körperfettanteil und der Fettgehalt der Leber sanken.

S3: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Light-Getränke führen zu kleinen Verbesserungen des Körpergewichts und anderer Stoffwechselparameter, ähnlich wie Wasser und ohne Hinweise auf schädliche Effekte. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass übergewichtige Erwachsene mit Diabetes oder erhöhtem Diabetesrisiko, die nicht gerne Wasser trinken, auch auf Light-Getränke umsteigen können.

Nahrungsergänzungsmittel für bessere Blutzuckerwerte

Diabetiker sollten nicht nur die Zucker-, sondern auch die Kalorienwerte im Blick behalten. So kurbelt ein Espresso nach dem Essen die Verdauung an, Kalorien bleiben nicht lange im Körper. Als Zwischenmahlzeit eignet sich ein Cappuccino (ohne Zucker). Das Eiweiß der Milch sättigt und mit etwa 50 Kalorien belastet er die Figur nur wenig. Die Lust auf Schokolade dämpft ein Vanille-Tee. Tipp: Den Inhalt einer Schote und 1 TL grünen Tee in ein Sieb geben, mit heißem Wasser übergießen und ziehen lassen.

Für bessere Blutzuckerwerte können Nahrungsergänzungsmittel aus der Apotheke mit einer Kombination aus Soja, Eiweiß, Magermilch und Honig sinnvoll sein – enthalten ist eine solche Mixtur etwa in „Almased Typ 2“.

Glukoseintoleranz und Insulinresistenz – der Teufelskreis mit dem Zucker

„Honigsüßer Durchfluss“ heißt in einen Mix aus Altgriechisch und Latein übersetzt Diabetes mellitus. Honigharnruhr ist ein weiterer Name. Süß ist es immer, weil das Insulin im Körper nicht reicht, den Zucker oder die Glukose zu verteilen.

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Das Hormon, das in der Regel die Bauchspeicheldrüse produziert, dient vor allem dazu, Traubenzucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen zu schleusen. Dort werden die Zuckermoleküle zur Energiegewinnung benötigt. Bei Diabetes Typ 2 ist die Zuckeraufnahme in den Zellen gestört, sie sind insulinresistent, benötigen deswegen immer mehr von dem Hormon, um sich öffnen zu können.

Das Hormon Insulin wird in der Bauchspeicheldrüse gebildet und ist für die Senkung des Blutzuckers verantwortlich. Der Anstieg des Blutzuckerspiegels wird als Glukosetoleranz bezeichnet. Der Anstieg darf einen bestimmten Wert nicht überschreiten, sonst liegt eine Glukoseintoleranz vor. Die Glukoseintoleranz ist ein Vorbote des Diabetes.

Diabetes und die Ursachen für Insulinresistenz

Die Mechanismen, die zu einer Insulinresistenz führen, sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Sicher ist: Hat ein Verwandter ersten Grades (Eltern, Geschwister) einen Diabetes Typ 2, ist die Wahrscheinlichkeit, selbst eine Insulinresistenz zu entwickeln, sehr hoch. Die genetische Komponente reicht jedoch meistens nicht aus, um tatsächlich auch einen Diabetes Typ 2 zu entwickeln.

Die größten Risikofaktoren für eine Insulinresistenz:

  • Übergewicht > Die Fettzellen im Bauch, das Viszeralfett, setzen Botenstoffe frei, die eine Insulinresistenz begünstigen. Je mehr Bauchfett ein Mensch hat, desto schlechter wirkt Insulin im Körper.
  • Bewegungsmangel > Müssen die Muskeln wenig leisten, sinkt sofort die Insulinwirkung. Wenig Bewegung ist außerdem oft mit Gewichtszunahme verbunden.
  • Falsche Ernährung > Fehlende Ballaststoffe, zu viele Kalorien und schlechte Fette fördern Übergewicht und zu hohe Blutzuckerspiegel.

Besonders fatal ist die falsche Ernährung. Wer viel Zucker auf dem Speiseplan hat – auch in Form von schnellen Kohlenhydraten wie in allen Weißmehl-Produkten – sorgt regelmäßig dafür, dass der Blutzuckerspiegel nach einer Mahlzeit in die Höhe schnellt. Auch stark verarbeitete und somit nährstoffarme Nahrungsmittel sind Gift für den Zuckerhaushalt des Körpers.

Mit dem Insulin verhält es sich ein bisschen wie mit Alkohol: Setzt ein Gewöhnungsprozess ein, muss die Dosis erhöht werden. Das wiederum ist mit einer Gewichtszunahme verbunden. 65 bis 70 Prozent aller stark übergewichtigen Menschen haben eine ausgeprägte Insulinresistenz.*

Quellen

*https://www.zentrum-der-gesundheit.de/krankheiten/diabetes/diabeteserkrankungen/insulinresistenz

Insulinresistenz: Spritze und Fläschschen mit Insulin
Zu hohes Gewicht geht häufig mit einer Insulinresistenz einher.
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Ärztin misst Blutdruck bei Patient, weil Bluthochdruck ein Symptom für Insulinresistenz sein kann.
Eine Insulinresistenz zeigt oft keine Symptome. Aber Bluthochdruck kann ein Indiz sein.
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Insulinresistenz-Symptome: Zu viele Triglyceride, zu wenig HDL-Cholesterin

Die Folgen einer Insulinresistenz bemerken Betroffene meistens erst dann, wenn der zu hohe Blutzuckergehalt schon Folgeschäden verursacht hat. Die Insulinresistenz selbst ist symptomlos. Bis sich aus ihr pathologisch hohe Blutzuckerspiegel ergeben, können Jahre, aber auch Jahrzehnte vergehen.

Trotzdem gibt es körperliche Veränderungen, die auf eine Insulinresistenz hindeuten können:

  • zu viele Triglyceride (andere Schreibweise Triglyzeride) oder Neutralfette im Blut
  • zu wenig HDL-Cholesterin im Blut
  • Bluthochdruck (Hypertonie)
  • zu viel Bauchfett
  • zu hoher Blutzuckerspiegel

PCO-Syndrom (PCOS) und Insulinresistenz

Das Polyzystische Ovarialsyndrom oder PCO-Syndrom tritt bei fünf bis zehn Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter auf und ist damit die häufigste Hormonstörung.* Beim PCOS ist die Eizellreifung gestört und es gibt keine regelmäßigen Eisprünge. Sehr häufig leiden betroffene Frauen unter Übergewicht.

Durch eine gestörte Eizellreifung kommt es häufig zu einem erschwerten Schwangerschaftseintritt, da keine regelmäßigen Eisprünge stattfinden.

Das PCO-Syndrom geht häufig mit Übergewicht einher, das auf eine periphere Insulinresistenz zurückzuführen ist. Diese kann mithilfe des HOMA-Index getestet werden. Der HOMA-Index wird aus der Nüchtern-Insulin- und Nüchtern-Glucose-Konzentration nach einer etwa 12-stündigen Nahrungskarenz berechnet.

Quellen

*https://www.ukbonn.de/gynaekologische-endokrinologie-und-reproduktionsmedizin/behandlungsspektrum/hormonstoerungen/das-pco-syndrom/

Diabetes: PCOS
PCOS ist die häufigste Hormonstörung bei Frauen im gebärfähigen Alter.
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PCOS-Medikament Metformin

Frauen, deren Kinderwunsch wegen des PCO-Syndroms bislang unerfüllt blieb, können mit dem Blutzucker-senkenden Medikament Metformin behandelt werden. Metformin hemmt die Glukose-Bildung durch die Leber und verbessert die Insulinsensitivität der Zellen.

Gleichzeitig verbessert Metformin den Fettstoffwechsel, was wichtig ist für übergewichtige Frauen.

Insulinresistenz behandeln

Wird eine Insulinresistenz frühzeitig erkannt, kann sie fast immer auch erfolgreich behandelt werden. Viel geht dabei über die Muskeln und Bewegung. Muskeln haben eigene Zuckerspeicher, die bei Belastung geleert und danach wieder gefüllt werden. Beim noch nicht industrialisierten Menschen funktionierte das gut. Es gab kein Überangebot an Nahrung und erst recht nicht an schnellen Kohlenhydraten. Nahrungsbeschaffung und -zubereitung waren immer mit Arbeit, also Muskelkraft verbunden, sodass es im Körper immer ausreichend Abnehmer für den Zucker gab.

Für eine bessere Insulinsensitivität muss niemand Hochleistungssport betreiben. Wer lange nichts gemacht hat, fängt mit kurzen Spaziergängen an und steigert sie auf täglich 30 Minuten in einem moderaten Tempo. Nach neun Monaten, so eine Studie des Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck, kann die Insulinsensitivität auf diese Weise verdreifacht werden. Der Verzicht auf Zucker und schnelle Kohlenhydrate sorgt dafür, dass der Blutzucker nach einer Mahlzeit nicht in die Höhe schnellt, sondern nur langsam ansteigt und deswegen besser verteilt werden kann. Schnelle Kohlenhydrate finden sich vor allem in Weißmehl, geschältem Reis und Nudeln (Ausnahme Vollkornnudeln). Auch auf Transfette oder Transfettsäuren, die sich vor allem in Fast-Food-Produkten finden, sollte verzichtet werden.

Familie beim Spaziergang, auch eine Möglichkeit Insulinresistenz zu behandeln
Regelmäßige Bewegung und gesunde Ernährung machen so manches Medikament überflüssig.
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Insulin-Tabletten statt Insulin-Spritzen

Für Menschen mit Diabetes-Typ-1 gehört eine Insulin-Spritze zum Alltag dazu. Und auch von den sechs Millionen Typ-2-Diabetikern in Deutschland muss sich über ein Fünftel das Hormon von außen zuführen. Zwar machen heutzutage sogenannte Pens das Spritzen leichter, weil die Nadeln so dünn sind und damit der Einstich kaum spürbar ist. Doch es bleibt ein sensibler Akt. Aber bald könnte es Insulin in Tablettenform geben.

@iStock / busracavus

Kanadische Forscher testen Insulin-Tabletten

Die neue Insulin-Tablette wurde von einem Forscherteam der kanadischen University of British Columbia entwickelt. Das Mittel wird nicht geschluckt. Es löst sich im Mund auf und das Insulin wird über die Schleimhäute aufgenommen. Erste Versuche sind äußerst positiv verlaufen: Demnach fängt das Hormon bereits nach einer halben Stunde an zu wirken, und der Effekt hält zwei bis vier Stunden an. Denn fast 100 Prozent des Insulins aus den Tabletten gelangen direkt in die Leber – das ideale Ziel für das Hormon. Frühere Versuche, ein trinkbares Insulin zu entwickeln, scheiterten, weil sich das meiste Insulin im Magen ansammelte.

„Die spannenden Ergebnisse zeigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, eine Insulin-Technik zu entwickeln, die nicht mehr vor jeder Mahlzeit gespritzt werden muss und die Lebensqualität sowie die psychische Gesundheit von Millionen Diabetikern weltweit verbessern kann“, sagt der Studienleiter Prof. Dr. Anubhav Pratap-Singh.

Die Initialzündung zur Suche hat dem Professor an der Fakultät für Land- und Ernährungssysteme sein diabetischer Vater gegeben, der sich in den vergangenen 15 Jahren drei- bis viermal täglich Insulin injiziert hat.

Insulin-Tablette: Kühlung und Umweltverschmutzungen entfallen

Weiterer Vorteil der Neuentwicklung: Die Insulin-Tablette braucht keine Kühlung, was Energie einspart und den Transport erleichtert. Ganz abgesehen von der Menge an Nadeln und Plastikspritzen, die nicht mehr anfallen und auf der Mülldeponie landen. Nun muss der erste Erfolg in größeren Untersuchungen bestätigt werden.

Die Forscher hoffen auch, durch ihre Neuentwicklung die Kosten für Insulin pro Dosis senken zu können, da die orale Alternative günstiger und einfacher zu produzieren ist.

Diabetes: Blister mit Insulin-Tabletten
Die Insulin-Tablette als orales System zur Insulinverabreichung könnte die traditionellen Injektionen und die damit häufig verbundenen Nebenwirkungen ersetzen.
©iStock / Paul Bradbury

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 8


Gesunder Lebensstil kann Frauen nach Schwangerschaftsdiabetes vor späterem Typ-2-Diabetes schützen

S7: Das haben Forscher untersucht

Frauen, die in der Schwangerschaft an einem Schwangerschaftsdiabetes erkranken, entwickeln mit größerer Wahrscheinlichkeit später einen Typ-2-Diabetes. Diese Studie* untersuchte, ob sich durch die Vermeidung von fünf Risikofaktoren (Übergewicht, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Alkoholkonsum und Rauchen) das spätere Erkrankungsrisiko senken lässt.

*Yang J et al. Modifiable risk factors and long term risk of type 2 diabetes among individuals with a history of gestational diabetes mellitus: prospective cohort study. BMJ. 2022 Sep 21;378:e070312. doi: 10.1136/bmj-2022-070312.

S7: So ist die Studie aufgebaut

Die Studie beobachtete 4.275 Frauen, die schon einmal einen Schwangerschaftsdiabetes gehabt hatten. Im Schnitt 28 Jahre lang wurde bei ihnen regelmäßig das Gewicht ermittelt und sie machten Angaben zu ihrem Lebensstil. Untersucht wurde, bei welchen Frauen im Verlauf ein Typ-2-Diabetes auftrat.

S7: Das hat die Studie ergeben

Am seltensten erkrankten Frauen an Typ-2-Diabetes, die normalgewichtig waren, sich gesund ernährten und ausreichend bewegten, nicht rauchten und nicht zu viel Alkohol tranken. Im Vergleich zu Studienteilnehmerinnen, die alle fünf Risikofaktoren aufwiesen, war ihr Risiko um 90 % reduziert.

Aber auch die Vermeidung von nur 1, 2, 3 oder 4 Risikofaktoren führte bereits zu einer Verringerung des Diabetesrisikos. Dies galt auch für Frauen, die übergewichtig waren oder genetisch bedingt ein erhöhtes Risiko für eine Diabeteserkrankung aufwiesen.

S7: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Mit jedem Risikofaktor, den Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes in der Vorgeschichte vermeiden, sinkt ihr Risiko für Typ-2-Diabetes ein Stückchen mehr.

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 9


Umfassende telemedizinische Betreuung verbessert die Blutzuckereinstellung

S8: Das haben Forscher untersucht

Vielen Patienten mit Typ-2-Diabetes gelingt es nicht, eine gute Blutzuckereinstellung zu erreichen, obwohl sie sich in ärztlicher Behandlung befinden. Diese Studie* untersuchte, ob eine telemedizinische Betreuung dabei helfen kann, die Zuckerwerte zu verbessern.

*Crowley MJ et al. Effect of a Comprehensive Telehealth Intervention vs Telemonitoring and Care Coordination in Patients With Persistently Poor Type 2 Diabetes Control A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2022;182(9):943-952. doi:10.1001/jamainternmed.2022.2947

S8: So ist die Studie aufgebaut

An der Studie nahmen 200 Patienten mit schlecht eingestelltem Typ-2-Diabetes teil. Als schlecht eingestellt galt der Diabetes, wenn der HbA1c-Wert (Langzeitblutzucker) dauerhaft über 8,5 % lag. Die Patienten wurden zufällig auf 2 Gruppen verteilt:
Eine Gruppe erhielt eine umfassende telemedizinische Betreuung, die unter anderem eine telemedizinische Überwachung der Blutzuckerwerte sowie Unterstützung bei Ernährung, Bewegung, Medikamenteneinnahme und eventuellen Depressionen beinhaltete.
In der anderen Gruppe fand ebenfalls eine telemedizinische Überwachung der Blutzuckerwerte statt, darüber hinaus erhielten die Patienten aber keine weitere Unterstützung.

S8: Das hat die Studie ergeben

In beiden Gruppen verbesserte sich die Blutzuckereinstellung. Aber bei den Patienten mit der aufwendigeren telemedizinischen Betreuung sank der HbA1c-Wert deutlich stärker als in der Gruppe mit der weniger umfangreichen Betreuung.

Bei den Patienten mit der umfassenden telemedizinischen Betreuung verbesserte sich über den 12-monatigen Studienzeitraum außerdem die empfundene Belastung durch die Diabeteserkrankung, die Selbstfürsorge und die Selbstwirksamkeit. Beim Körpergewicht und im Hinblick auf Depressionen gab es keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen.

S8: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Eine umfassende telemedizinische Betreuung kann bei Diabetespatienten mit chronisch schlecht eingestelltem Blutzucker die Blutzuckereinstellung verbessern. Auch auf andere Gesundheitsparameter, wie die Belastung durch die Erkrankung, kann sie sich positiv auswirken.

Die Studienergebnisse sprechen dafür, in Gesundheitssystemen mit geeigneter Infrastruktur eine telemedizinische Betreuung von schlecht eingestellten Patienten mit Typ-2-Diabetes einzuführen.

Wissenschafts- / Medizinjournalist

Thomas Kresser

Studie 10


Langlebige Umweltchemikalien könnten das Diabetesrisiko erhöhen

S10: Das haben Forscher untersucht

Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) sind eine Gruppe von etwa 4.700 verschiedenen Chemikalien, die wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften in vielen Alltagsgegenständen enthalten sind. Dazu gehören etwa Outdoorkleidung, Schuhe und Verpackungen. Da PFAS extrem langlebig sind, haben sie sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Nahrungskette angereichert und gelangen so letztlich auch in den menschlichen Körper. Diese Studie* hat untersucht, ob PFAS das Diabetesrisiko erhöhen.

*Park SK et al. Per- and polyfluoroalkyl substances and incident diabetes in midlife women: the Study of Women’s Health Across the Nation (SWAN). Diabetologia. 2022 Jul;65(7):1157-1168. doi: 10.1007/s00125-022-05695-5.

S10: So ist die Studie aufgebaut

An der Studie nahmen 1.237 Frauen im Alter von 45 bis 56 Jahren teil. Zu Studienbeginn waren sie nicht an Diabetes erkrankt. Sie wurden bis zu 18 Jahre nachbeobachtet. In dieser Zeit wurden die Frauen regelmäßig auf eine Diabeteserkrankung hin untersucht. Außerdem wurde ihr Blut auf PFAS getestet.

S10: Das hat die Studie ergeben

Die Frauen mit höheren PFAS-Konzentrationen im Blut erkrankten deutlich häufiger an Typ-2-Diabetes als Frauen mit niedrigeren PFAS-Konzentrationen im Blut. Die Frauen mit den höchsten PFAS-Konzentrationen hatten ein mehr als doppelt so hohes Diabetesrisiko als die Frauen mit den geringsten PFAS-Konzentrationen.

S10: So bewerten die Autoren ihre Resultate

Die Studie deutet darauf hin, dass PFAS bei Frauen mittleren Alters das Diabetesrisiko erhöhen könnte. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, liefert sie aber keinen Beweis dafür.

Es sind weitere Studien erforderlich, um zu zeigen, dass PFAS tatsächlich die Ursache für das erhöhte Diabetesrisiko sind. Sollte sich dies bestätigen, könnte die Vermeidung dieser Umweltchemikalien einen bevölkerungsweiten Effekt auf das Diabetesrisiko haben.

Parodontitis (Parodontose) durch Diabetes

Parodontitis und Diabetes haben eine unheilvolle Wechselwirkung. Auf der einen Seite verschlechtert die Entzündung des Zahnhalteapparats (Parodontitis) die Insulinresistenz und damit Diabetes, auf der anderen Seite begünstigt die Zuckerkrankheit eine Parodontitis.

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Eine Parodontitis ist übrigens nicht zu verwechseln mit der sehr seltenen Parodontose, auch wenn umgangssprachlich oft das gleiche gemeint ist. Die Parodontitis ist eine entzündliche Erkrankung (zu erkennen an der Wortendung „itis“). Bei der Parodontose geht das Zahnfleisch zurück, ohne entzündet zu sein.

Diabetes: Parodontitis-Ursachen
Zu den möglichen Parodontitis-Ursachen gehört auch ein schlecht eingestellter Diabetes.
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Parodontitis-Ursachen: Wechselwirkungen zum Diabetes

Der Zahnhalteapparat (Parodontium oder Zahnbett) besteht aus dem Zahnfleisch (Gingiva), den Zahnfächern (Alveolen), dem Zahnzement (Zementum) und der Wurzelhaut (Periodontium). Schlechte Mundhygiene und zuckerreiche Ernährung ermöglichen es schädlichen Bakterien, sich im Mundraum festzusetzen. Eine Parodontitis beginnt oft mit einer Entzündung des Zahnfleisches (Gingivitis).

Besonders geschützt vor hygienischen Interventionen ist die Spalte zwischen Zahnhals und Zahnfleisch. In diesen, im Verlauf der Krankheit immer tiefer werdenden Zahnfleischtaschen können sich Bakterien fast ungehindert vermehren und den Zahnhalteapparat schädigen. Im schlimmsten Fall droht Zahnverlust.

Bakterien im Mund haben nicht nur die unangenehme Eigenschaft, Krankheiten wie Karies und Parodontitis zu begünstigen. Entzündungsherde streuen vom Mund in den ganzen Körper und verstärken die Insulinresistenz der Zellen.

75 Prozent aller Diabetiker leiden unter Entzündungen der Mundschleimhaut, jeder Dritte auch an Parodontitis. Diabetiker haben ein dreifach erhöhtes Risiko, an Parodontitis zu erkranken und haben dann auch einen deutlich schnelleren Krankheitsverlauf mit einem signifikant höheren Risiko, betroffene Zähne zu verlieren. Typ-1-Diabetiker erkranken oft schon im Kindes- und Jugendalter an Parodontitis. Grund für das erhöhte Parodontitis-Risiko sind unter anderem die schlechtere Durchblutung des Mundraums, verbunden mit einem höheren Zuckergehalt des Speichels. Bakterien lieben Zucker. Kariesbakterien ernähren sich ausschließlich davon.

Nikotin und Stress sind weitere Risikofaktoren für eine Parodontitis.

Diabetiker sollten ihren Zahnarzt deswegen unbedingt über ihre Zuckerkrankheit informieren. Andersrum sollten auch Zahnärzte ihre Patienten über die Wechselwirkung aufklären. Laut einer Emnid-Studie geschieht das aber nur in 13 Prozent der Fälle.*

Quellen

*https://www.diabetesde.org/ueber_diabetes/begleiterkrankungen_bei_diabetes/zahngesundheit

Parodontitis-Symptome und Parodontitis-Behandlung bei Diabetes

Eine Entzündung des Zahnhalteapparats verläuft im Anfangsstadium fast immer symptomfrei – zumindest für die Betroffenen. Das Umfeld dagegen bemerkt nicht selten einen kräftigen, dauerhaften Mundgeruch. Außerdem kommt es häufiger zu Zahnfleischbluten und die Zähne können temperaturempfindlicher sein.

Damit die Kasse eine Parodontitis-Behandlung bezahlt, muss diese zuvor von einem Zahnarzt zweifelsfrei diagnostiziert worden sein. Im ersten Schritt erfolgt nach Überprüfung der Zahnpflegegewohnheiten eine individuelle Mundhygieneunterweisung, bei der auch geeignete Hilfsmittel wie spezielle Zahnzwischenraum-Bürsten und verschiedene Zahnseiden erläutert werden.

Anschließend wird der Zahnarzt den Grad der Entzündung und die Tiefe der Zahnfleischtaschen bestimmen. Je tiefer die sind, desto schwerer die Entzündung. Bei der antiinfektiösen Therapie ohne Antibiotika werden alle erreichbaren harten und weichen Belege, Biofilme und Konkremente (das ist der Zahnstein unterhalb des Zahnfleisches) entfernt – auch aus den Zahnfleischtaschen.

Antibiotikatherapien sind bei schwereren Fällen von Parodontitis meistens unumgänglich. Sie sind aber immer nur adjuvant, also therapieergänzend. Unterschieden wird zwischen einer systemischen Antibiose und einer lokalen Antibiose. Bei einer systemischen Antibiotikumbehandlung (zum Beispiel in Form von Tabletten) wird der ganze Körper „gereinigt“, was sinnvoll ist, wenn die pathologischen Bakterien auch schon andere innere Systeme in Mitleidenschaft gezogen haben. Das lokale Auftragen ist präziser und schonender.

Vor jeder Antibiotikumgabe sollte zwingend die Zusammensetzung der Keime bestimmt werden. Mediziner sprechen vom Spektrum der parodontopathogenen Keime der Subgingivalflora. Nur so können nach einem Labortest die geeigneten Antibiotika für die Parodontitis-Therapie festgelegt werden.

Diabetes: Parodontitis-Symptomen PZR durchführen.
Eine Prarodontitis kann lange Zeit unbemerkt ohne Symptome verlaufen.
©iStock / Ocskaymark

FAQ

Wie merke ich, dass ich Diabetes habe?


Wahrscheinlich gar nicht. Bevor das Zuviel an Blutzucker den Organismus irreversibel schädigt, hat Diabetes mellitus praktisch keine Symptome. Ein wichtiges Warnsignal ist immer Übergewicht oder gar Adipositas (Fettleibigkeit) – auch schon bei Jugendlichen. Ein wenig beachtetes Frühsymptom kann auch Zahnfleischbluten, das wiederum Symptom einer Parodontitis (nicht Parondontose!) sein kann. Diabetiker haben ein dreifach erhöhtes Risiko, dass sich der Zahnhalteapparat entzündet.
Frau mit Diabetes misst ihren Bauchumfang.@iStock / Tatiana

Was soll man bei Diabetes nicht essen?

Die Liste der Tabus auf einem Diabetiker-Diätplan ist erstaunlich klein. Ganz oben stehen Industriezucker und damit vollgestopfte „Lebensmittel“ wie Süßigkeiten (Schokoriegel etc.), Kuchen, Cola, Limonaden. Andere ungeeignete Lebensmittel enthalten zwar keinen reinen Zucker, aber Kohlenhydrate, die vom Körper sehr schnell in Zucker / Glucose „umgebaut“ werden. Dazu gehören alle Weißmehl-Produkte wie Brot und Nudeln (Ausnahme: Vollkornnudeln), geschälter Reis und Mais. Auch in fast allen Fast-Food-Produkten enthaltene Transfette sollten Diabetiker meiden.
Verschiedene Lebensmittel die Diabetiker nicht essen sollten.
@iStock / yulka3ice

Kann man Diabetes haben ohne es zu merken?


Diabetes gehört im Gegensatz zu Knochenbrüchen zu den Krankheiten, die sich unbemerkt in den Körper schleichen. Es kann Jahrzehnte dauern, bis ein gestörter Zuckerstoffwechsel Probleme macht. Die sind dann in der Regel aber durch die chronische Überzuckerung irreversibel.Insulinrezeptoren in einem Molekülbild dargestellt.
@iStock / selvanegra

Bei welchem Wert ist man zuckerkrank?


Anerkannte Faustformel: Ab einem Nüchtern-Blutzuckergehalt von 126 mg/dl sprechen Mediziner von Diabetes. Für eine belastbare Diagnose müssen aber weitere Untersuchungen gemacht werden. Dazu gehört ein oraler Glukosetoleranz-Test (oGTT), bei dem die Abbaugeschwindigkeit des Zuckers im Körper gemessen wird.

Liegt der Nüchternzucker zwischen 100 und 125 mg/dl liegt sehr wahrscheinlich ein Prädiabetes vor, der schnell behandelt werden sollte.
Ärztin misst Blutzucker bei einer Patientin.
@iStock / VioletaStoimenova

Was ist der Unterschied zwischen Typ 1- und Typ 2-Diabetes?


Bei dem Typ-1-Diabetes produziert die Bauchspeichel zu wenig Insulin. Bei einem Diabetes Typ 2 wirkt das vorhandene Insulin nicht mehr ausreichend. Insulin ist ein Hormon und wird benötigt, um Zucker (Glucose) auf die Zellen zu verteilen. Diabetes Typ 1 tritt meistens schon im Kindes- oder Teenageralter auf (juveniler Diabetes), während der auch Altersdiabetes genannte Typ 2 im Schnitt erst mit 60 Jahren zum Problem wird. Der Diabetes-Typ kann im Anfangsstadium gut behandelt und geheilt werden. Der juvenile Diabetes ist unheilbar. Betroffene müssen bis zum Lebensende Insulin spritzen. 95 Prozent der in Deutschland an Diabetes Erkrankten, leiden an der Typ-2-Variante.
Unterschied der Bauchspeicheldrüse bei Diabetes Typ 1 und Typ 2.
@iStock / ttsz

Was sind die Symptome bei Zuckerkrankheit?


In der Anfangsphase von Diabetes mellitus gibt es praktisch keine Symptome, auch wenn die Überzuckerung schon erste irreversible Schäden angerichtet hat. Im fortgeschrittenen Stadium können folgende Symptome auftreten:

• Durst
• schlechteres Sehen bei wechselnder Sehstärke
• Menstruationsstörungen, verminderte Fruchtbarkeit bei Frauen
• häufiges Wasserlassen
• Müdigkeit, Schwindel
• schlecht heilende Wunden, besonders an den Füßen
• trockene Haut
• Appetitlosigkeit im Wechsel mit Hungerattacken
• Libidoverlust (Potenzstörungen)
• Muskelkrämpfe
• Nervenerkrankungen
• Harnwegsinfekte
• Übelkeit, Bauchschmerzen
Frau mit Diabetes zeigt erste Symptome wie vermehrten Durst.
@iStock / fizkes

Wie fühlt man sich, wenn der Zucker zu hoch ist?


Der Körper hat keine Sensoren für eine Überzuckerung (Hyperglykämie). Das bedeutet: Niemand kann spüren, ob sein Blutzucker im Normbereich liegt oder darüber. Ganz anders sieht es bei einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) aus. Weil Zucker (Glukose) ein essenzieller Energiebringer unter anderem für Muskeln und Gehirn ist, kann eine Unterzuckerung innerhalb von Stunden ernsthafte Beschwerden verursachen. Bei einer leichten Unterzuckerung kann der fehlende Zucker relativ schnell mit einem zuckerhaltigen Getränk, einem Schokoriegel oder Traubenzucker kompensiert werden. Bei einer schweren Unterzuckerung ist fast immer Hilfe erforderlich. Unbehandelt verläuft eine schwere Unterzuckerung tödlich.
Frau misst ihren Blutzucker mit einem Sensor im Arm, damit sie nicht unterzuckert.
@iStock / martin-dm

Wie kann ich selbst testen, ob ich zuckerkrank bin?


Ein in stationären und Online-Apotheken erhältlicher Hba1c-Test ermöglicht einen schnellen und unkomplizierten Hinweis darauf, ob eine Zuckerkrankheit vorliegt. Bei einem Hba1c-Test wird der Langzeitzucker im Blut bestimmt. Dafür reicht wie bei einem Zuckertest ein Tropfen Kapillarblut aus der Fingerkuppe. Der Hba1c-Test bestimmt anhand der roten Blutkörperchen den durchschnittlichen Blutzuckerwert der letzten sechs Wochen bis drei Monate. Der Hba1c-Wert liegt bei gesunden Menschen unter 6,5 Prozent, gut eingestellte Diabetiker kommen auf 7 Prozent.
Frau führt einen Zuckertest durch.
@iStock / MajaMitrovic

Wann wird man zuckerkrank?


Kurze Antwort: je ungesünder der Lebensstil mit wenig Bewegung und zuckerreicher Ernährung und einem daraus folgenden hohen Body-Mass-Index (BMI), desto früher. Diabetes Typ 2 (früher auch Altersdiabetes) trifft inzwischen selbst Teenager. Das Durchschnittsalter bei Typ-2-Diabetes-Neudiagnosen liegt bei 60 Jahren.

Diabetes Typ 1 ist dagegen angeboren und kann schon im Kindesalter auftreten.
Frau joggt in der Natur.
@iStock / Drazen Zigic

Was sind erste Anzeichen von Diabetes?


Die ersten Anzeichen bei Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2 sind die gleichen. Dazu gehören verstärkter Harndrang und häufig wiederkehrende Harnwegsinfektionen. Permanentes Hungergefühl, Verstimmungen, Juckreiz, Müdigkeit und Leistungsminderung können weitere Symptome sein. Alle sehr unspezifisch und deswegen nicht auf den ersten Blick Symptome eines Diabetes.

Der große Unterschied zwischen Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2 ist der Zeitpunkt, zu dem sie auftreten. Beim Typ-1-Diabetes geht das sehr schnell. Beim Typ-2-Diabetes kann es Jahre, unter Umständen auch Jahrzehnte dauern.
Frau kratzt sich am Arm.
@iStock / m-gucci

Was sollen Diabetiker abends nicht essen?


Das Abendessen eines Diabetikers unterscheidet sich nicht wesentlich vom Mittagessen. Nur wer Probleme mit blähenden Lebensmitteln (z. B. Hülsenfrüchte, Kohlgemüse, Milchprodukte) hat, sollte am Abend weniger davon essen. Ansonsten sorgen Gemüse, Pilze, Rohkost-Salate, Samen und Nüsse für sättigende Proteine und Ballaststoffe. Grundsätzlich können Diabetiker am Abend alles essen, was unter Low Carb einzuordnen ist. Also wenig kurzkettige Kohlenhydrate (z. B. Weißmehlprodukte, Süßigkeiten, Säfte) und stattdessen langkettige Kohlenhydrate (z. B. Naturreis, Vollkornbrot, Nüsse).
Tisch voll mit LowCarb Lebensmitteln.
@iStock / AlexRaths

Was ist bei Diabetes Typ 2 gefährlich?


Die größte Gefahr bei einem Diabetes Typ 2 ist eine späte Diagnose. Frühzeitig erkannt, am besten schon als Prädiabetes, ist ein Typ-2-Diabetes auch ohne Medikamente fast immer heilbar. Kommt die Diabetes-Diagnose dagegen erst, wenn sich schon die ersten Symptome zeigen, sind die Schäden fast immer irreversibel, und es ist sehr wahrscheinlich, dass dann lebenslang Medikamente wie Insulin, Metformin oder Semaglutid genommen werden müssen.
Zettel mit der Diagnose Diabetes Typ 2.
@iStock / designer491

Welche Diabetes-Typen / Diabetes-Arten gibt es?


Die Medizin unterscheidet zwischen Diabetes mellitus Typ 1, Diabetes mellitus Typ 2 und Diabetes mellitus Typ 3. Der Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunkrankheit, bei der das Immunsystem die Insulin-produzieren Betazellen in der Bauchspeicheldrüse attackiert und zerstört. Dieser Diabetes-Typ ist keine Folge von Übergewicht oder eines ungesunden Lebensstils, sondern angeboren. Die Krankheit bricht aus, wenn die vom Pankreas produzierte Menge Insulin nicht mehr ausreicht, um den Zuckerstoffwechsel nach Plan zu betreiben.

Beim Typ-2-Diabetes ist die Insulinsensitivität der Zellen so gering, dass die Bauchspeicheldrüse nicht ausreichend Insulin produzieren kann, um den Zucker zu verteilen. In der Folge steigt der Blutzuckerwert. Erreicht er einen Nüchternwert 126 mg/dl oder mehr, spricht man von einem Diabetes. Diabetes Typ 2 ist fast immer die Folge von Übergewicht und fehlender Bewegung.

Unter dem Begriff Typ-3-Diabetes werden alle Krankheitsbilder zusammengefasst, die nicht dem Typ 1 und 2 zuzuordnen sind, aber einen diabetischen Zuckerstoffwechsel verursachen. Das können eine chronisch entzündete Bauchspeicheldrüse, Gen-Defekte oder das Cusching-Syndrom sein, bei dem der Körper zu viel Cortisol produziert.
Diabetes in verschieden Piktogrammen dargestellt.
@iStock / svetolk

Welcher Diabetes-Typ ist schlimmer?


Der Diabetes Typ 1 ist unheilbar und unvermeidbar – und damit wohl auch die schlimmste Form eines Diabetes. Diabetes Typ 2 ist zumindest im Frühstadium auch ohne Medikamente fast immer heilbar, wenn Diabetes-Typ-2-Patienten abnehmen, sich mehr bewegen und zuckerarm ernähren. Diabetes Typ 3 hat verschiedene Ursachen, von denen einige ebenso schlimm sein können wie ein Diabetes Typ 1.

@iStock / bymuratdeniz

Welche Diabetes-Tabletten sind die besten?


Es gibt keine „beste Diabetes-Tablette“. Die wichtigste „Diabetes-Tablette“ ist sicher die Insulin-Spritze. Insulin wurde 1922 an der Universität von Toronto entdeckt. Schon ein Jahr später begann die Versorgung vieler Diabetes-Patienten, die vorher nur eine geringe Lebenserwartung hatten. Einer der ersten Diabetes-Patienten war ein damals Fünfjähriger, der nur noch 12,5 Kilogramm wog. Er starb mit 76 Jahren nach 71 Jahren Diabetes-Therapie.
Diabetes Tabletten in verschiedenen Formen.
@iStock / tolgart

Welcher Diabetes-Typ ist angeboren?


Diabetes Typ 1 ist angeboren. Bei diesem Diabetes-Typ handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit, in deren Verlauf das Immunsystem die Insulin-produzieren Betazellen des Pankreas zerstört. Sobald die Bauchspeicheldrüse nicht mehr genug Insulin produzieren kann, beginnt die Überzuckerung des Blutkreislaufs. Diabetes-Typ-1-Patienten müssen deswegen lebenslang Insulin spritzen. Eine genetische Veranlagung für Diabetes Typ 1 bedeutet aber nicht, dass die Krankheit auch ausbricht.

Beim seltenen Diabetes Typ 3, zu dem alle Krankheiten zählen, die einen diabetischen Zuckerstoffwechsel zur Folge haben, gibt es verschiedene angeborene Gen-Defekte, die zum Beispiel auch die Betazellen der Bauchspeicheldrüse betreffen können.Kind mit Diabetes Typ 1 misst mit seiner Mutter den Blutzucker.
@iStock / Fertnig

Wer bekommt Diabetes?


Die genetische Disposition für den Typ-1-Diabetes kann vererbt werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Mensch mit einer vererbten Veranlagung auch tatsächlich an Diabetes Typ 1 erkrankt. Was genau den Typ-1-Diabetes auslöst, ist nicht bekannt. Dieser Diabetes-Typ kann auch schon im Kindesalter auftreten (juveniler Diabetes).

Diabetes Typ 2 oder Altersdiabetes ist fast immer Folge eines bewegungsarmen Lebenssils mit Übergewicht und zuckerhaltiger Ernährung. Dieser Diabetes-Typ war noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhundert eine relativ seltene Erkrankung. Inzwischen leiden allein in Deutschland 8,2 Millionen Menschen an Diabetes Typ 2. Jedes Jahr gibt es etwa 600.000 Diabetes-Neudiagnosen. Da ein Typ-2-Diabetes erst sehr spät Symptome zeigt, geht die Medizin von zwei Millionen unentdeckter Diabetes-Fälle aus.
Ärztin misst bei älteren Frau den Blutzucker.
@iStock / ljubaphoto

Wie kann man Diabetes vorbeugen?


Einem Diabetes Typ 1 kann man nicht vorbeugen. Ist die genetische Disposition vorhanden, kann die Krankheit auch ausbrechen. Einem Diabetes Typ 2 kann dagegen relativ gut aus dem Weg gegangen werden. Der Typ-2-Diabetes ist eine Zivilisationskrankheit. Eine artgerechte Ernährung mit viel Gemüse, Pilzen, Nüssen, wenig Fleisch, nicht mehr als 50 Gramm Zucker pro Tag und ausreichend Bewegung ist die beste Versicherung gegen Diabetes Typ 2. Der BMI sollte im Idealfall unter 25 liegen.
BMI mit Maßband.
@iStock / wakila

Welche Lebensmittel sind gut bei Diabetes?


Grundsätzlich gut sind alle Lebensmittel, die wenig Zucker enthalten und den Blutzuckerwert nach einer Mahlzeit nicht in die Höhe schnellen lassen. Das sind unter anderem Vollkornprodukte, Naturreis, Gemüse, Pilze, Nüsse und Rohkostsalate. Auch gute Fette wie Fischöl und pflanzliche Öle aus Raps, Oliven, Leinsamen, Algen oder Echium sind wegen ihres hohen Anteils an Omega-3-Fettsäuren und Ölsäure empfehlenswerte Lebensmittel.
Omega 3 Fettsäuren in verschiedenen Lebensmitteln.
@iStock / Aamulya

Welches Obst senkt den Blutzucker?


Obst mit vielen Ballaststoffen hat ebenso wie Obst mit einem hohen Wasseranteil einen positiven Einfluss auf den Blutzucker. Zwei Portionen Obst sind wegen der vielen enthaltenen Vitalstoffe auch für Diabetiker wichtig. Zu den empfehlenswerten Obstsorten für Diabetiker gehören Äpfel, Birnen, Beeren, Zitrusfrüchte, frische Aprikosen oder Kirschen.
Obst welches für Diabetiker geeignet ist.
@iStock / ChristinaKurtz

Warum keine Kartoffeln bei Diabetes?


Es gibt kein Kartoffel-Verbot für Diabetiker. Kartoffeln liefern jede Menge Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe und hochwertiges Eiweiß. Sie bestehen zu 80 Prozent aus Wasser und haben eine niedrige Energiedichte, was zu einem schnelleren Sättigungsgefühl als bei anderen Beilagen führt. Kartoffeln haben allerdings einen hohen glykämischen Index. Das heißt, dass die Kohlenhydrate in den Kartoffeln schnell zerlegt werden und ebenso schnell den Blutzucker ansteigen lassen.

Allerdings ist die glykämische Last (darunter versteht man die Blutzuckerwirksamkeit) von Kartoffeln wesentlich besser als bei Reis oder Nudeln.

Ernährungsexperten empfehlen für Diabetiker vier Sättigungsbeilagen pro Tag – eine davon darf aus Kartoffeln bestehen.
Mehrere Kartoffeln füllen das Bild.
@iStock / luoman

Wie merkt man, dass der Zucker zu hoch ist?


Niemand kann einen zu hohen Blutzuckerspiegel spüren. Spüren können Menschen nur, wenn das Zuviel an Glukose im Blut irreversible Schäden an Gefäßen und Organen verursacht. Das passiert bei einem Diabetes Typ 2 aber erst nach vielen Jahren. Um sicherzustellen, dass der Blutzucker nicht zu hoch ist, geht kein Weg an einem Bluttest vorbei.
Frau misst ihren Blutzucker anhand eines Bluttests.
@iStock / vitapix

Wann gilt man als zuckerkrank?


Der international anerkannte Grenzwert für den Nüchtern-Blutzuckergehalt sind 126 mg/dl. Ab diesem Wert sprechen Ärzte von einem Diabetes. Liegt der Nüchternzucker zwischen 100 und 125 mg/dl gilt das als Prädiabetes, eine Vorstufe der Zuckerkrankheit.

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Was ist Insulin und wie wirkt es?


Insulin ist ein lebenswichtiges, in der Bauchspeicheldrüse produziertes Hormon. Insulin sorgt dafür, dass der aus der Nahrung extrahierte Zucker auf die Zellen verteilt wird, wo er als Energielieferant benötigt wird. Insulin öffnet die Zellen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip. Ohne Insulin kann der Körper keinen Zucker verarbeiten.
Insulin in einem Fläschchen mit Spritze.
@iStock / Gilnature

Warum braucht man Insulin?


Insulin wird benötigt, um den aus der Nahrung extrahierten Zucker (Glukose) auf die Zellen zu verteilen. Insulin hat dabei die Funktion eines Schlüssels für die Zellen. Kann die Bauchspeicheldrüse nicht mehr genug Insulin produzieren (Diabetes Typ 1), muss lebenslang Insulin gespritzt werden. Reagieren die Zellen nicht mehr ausreichend auf das Hormon, spricht die Medizin von einer Insulinresistenz (Diabetes Typ 2). Gelingt es nicht, die Insulinsensitivität der Zellen durch mehr körperliche Aktivität zu verbessern, muss ebenfalls Insulin gespritzt werden.
Blutzellen und Glukose in einer Vene.
@iStock / iLexx

Wann muss man Insulin nehmen?


Insulin muss immer dann genommen werden, wenn entweder nicht genug Insulin vorhanden ist (Diabetes Typ 1) oder das Insulin nicht mehr so gut wirkt (Insulinresistenz beim Diabetes Typ 2). Während es bei einem Typ-1-Diabetes keine Alternative zur lebenslangen Insulingabe gibt, können Typ-2-Diabetiker zumindest im Anfangsstadium der Krankheit die Insulinsensitivität ihrer Körperzellen durch zuckerarme Ernährung und regelmäßige Bewegung so weit verbessern, dass kein Insulin gespritzt werden muss.

Insulinspritzen sind für Typ-1-Diabetiker lebenswichtig, bei Typ-2-Diabetikern sind sie ein zweischneidiges Schwert und sollten nur dann als Therapie zum Einsatz kommen, wenn die Insulinresistenz nicht durch Bewegung, Gewichtsabnahme und Umstellung der Ernährung verbessert werden kann.
Insulin-Wirkung als 3D-Illustration.
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Dieser Artikel beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zu einem Gesundheitsthema und dient somit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls einen Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen unsere Redakteure nicht beantworten.

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